Platz für das Unentschiedene

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Im letzten Beitrag hatte ich ja angedeutet, dass wir uns Gedanken über die Zukunft der Moritzbastei machen. Im Moment bin ich in Apulien in Lecce. Hauptsächlich, um am 79. Meeting von Trans Europe Halles teilzunehmen. Nicht ganz nebenbei gibt es eine fette Dosis Inspiration. Das Treffen hat das Motto: “Spaces of indecision” und die Einleitung gibt gleich mal reichhaltige Gedankennahrung:

„Was würde passieren, wenn die Manager aller Kulturzentren in Europa auf einen Schlag verschwänden? Kann Management durch etwas anderes ersetzt werden, wenn es nicht länger gebraucht wird?

Zu organisieren heißt, alles zu planen und keinen Platz zuzulassen für das Unvorhersehbare, oder bedeutet es, die besten Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass etwas Unerwartetes stattfinden kann? Wie würden wir handeln, wenn minimale Planung die beste Grundlage dafür wäre, um Platz für Spontaniteit zu lassen, ohne dass alles in Chaos versinkt? Können wir uns einen Ort vorstellen, den jeder nutzen und frei verändern kann, ohne dass dabei nur die Stärksten überleben? Wie wird der Freiraum für das Unentschiedene politisch gewürdigt?”

Gemeinsam mit über zweihundert Menschen aus ganz Europa und Italien (darunter auch Michael Arzt als Vertreter der Halle 14, die wie die MB Mitglied bei TEH ist),beschäftige ich mich für fünf Tage mit diesen Fragen. Für deutsche Ohren mag diese Herangehensweise sehr südeuropäisch klingen, auch die Moritzbastei ist sicher kein Ort, der vie Raum für Unerwartetes zulässt. Wir sind im Gegenteil stolz auf unsere Professionalität und die Gewissheit, dass wir unseren Betrieb wirtschaftlich und nach unseren Vorstellungen nachhaltig gestalten.

Es wird weniger Seminare und Workshops geben, wie sonst bei TEH-Meetings. Diesmal werden verlassene oder nicht mehr genutzte Orte gemeinsam in „dritte Landschaften“ verwandelt. Das heißt, wir geben einem alten Parkplatz, einem verwilderten Steinbruch und einem nicht mehr genutzen Shoppingcenter in der Innenstadt einen neuen Sinn. Für einen Tag, eine Woche oder für immer? Wer weiß das schon, das bleibt unentschieden.

Ganz nebenbei werden zwei große mehrjährige Projekte auf europäischer Basis angeschoben, die sich mit dem Thema „Ökonomische Stabilität von Kultureinrichtungen“ befassen, „Creative Lenses“ und „Grand Europe Central“. Nicht zuletzt wird am Samstag ein neuer Vorstand gewählt, dem ich dann nach vier Jahren Mitarbeit nicht mehr angehören werde.

Auf tumblr, instagram und facebook könnt ihr bildlich verfolgen, was in den nächsten Tagen in Lecce passiert. Die folgenden Hashtags befüttere ich auch fleißig:

#tehmeeting79 #teh79people #teh79vision #teh79dolcevita

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Was erleben? Nichts verpassen!

Vorausbemerkung: Der Artikel ist versehentlich* unter dem Titel “Romy aus der LVZ und die Musiknutzung” am 30.4. 2015 hier erschienen.

Leipzig ist seit gut einem Jahr nicht mehr Hypezig. Die Hoffnung auf eine Renaissance der Stadt nach deprimierenden zwanzig Jahren Nachwendezeit hat sich erfüllt. Blühende Kulturlandschaften, wohin das Auge blickt. Die Wiedergeburt hat nun eine neu Hoffnung geboren. Nämlich die, daraus Kapital zu schlagen. Wegen dieses Phänomens hat unsere Gesellschaft ihren Namen, also wozu darüber Worte verlieren?

Vor knapp zwei Jahren hatten ich hier in einem Beitrag gemutmaßt

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Der wöchentliche Diskoplakatcartoon.

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Umarmungen und Heißluftballons

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Technikanforderungen von Bands sind ein eigenes Kapitel. Die meisten sind unauffällig, viele Bands und Agenturen kennen unser Haus und unsere Sound- und Lichtanlage. Manchmal flattern Anforderungen rein, mit denen man Rock am Ring bespielen könnte, manchmal liebevoll gebastelte Bühnenanweisungen, zum Beispiel mit selbstentworfenen Vignetten oder diversen durchgestrichenen Möbelteilen, die bitte NICHT als Keyboardständer bereit gestellt werden sollen. Nicht zu vergessen die Cateringanweisungen – Musikerwünsche nach rechtsdrehend gebackenen Glutenbuchteln aus regionalem Anbau bringen uns längst nicht mehr ins Schwitzen.

Den König unter den Technikridern schicken auf jeden Fall Jaya The Cat an Veranstalter; vergangenen Samstag spielten sie bei uns ein umjubeltes Konzert. Gewünscht wird unter anderem, dass jedes Bandmitglied bei Ankunft mit Umarmung zu begrüßen ist, und eine Seite des Cateringriders widmet sich dem durchaus wichtigen Umstand, welche Biersorten in den jeweiligen Tourneeländern gereicht werden sollten und welche bitte nicht (“every german local beer is great!”). Zum besseren Kennenlernen des Tourneeortes wäre Fahrt in einem Heißluftballon klasse, zur Not täte es auch eine Spritztour mit einem Motorrad mit Beiwagen…

So eine Vorlage lassen wir uns natürlich nicht entgehen, das wäre doch gelacht! Jaya The Cat wurde von unserem Bandbetreuer Karsten selbstverständlich mit Umarmung begrüßt, und im Backstage erwartete sie ein selbstgebastelter Fesselballon. Als Passagiere saßen 6 Schluckiflaschen mit den aufgeklebten Fotos der Bandmitglieder im Korb. Das Konzert wurde rauschhaft, zur ersten Zugabe hauchte die Bassdrum ermüdungsbedingt ihr Lebenslicht aus. Die Band versprach, auf jeden Fall wiederkommen zu müssen und umarmte auf dem Weg nach draußen den völlig verblüfften DJ, der nach dem Konzert zu All You Can Dance auflegte und nicht so recht wußte, wie er zu dieser Ehre kam.

Auf Instagram posteten sie später ein Bild der Schnapspartie, und der Ballon wird heute Nacht bei Los! Tanzen! zur Deko gehören, gefüllt mit Seifenblasenflaschen. Eine Seifenblasenmaschine stand nämlich auch auf dem Rider der Band…

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Provinzposse mit Merkel

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Mitte Februar zückte ich mein Telefon, als ich Zeuge wurde, wie zwei junge Männer ein weiß verhülltes Gemälde in Richtung Karl-Tauchnitz-Straße trugen. Später wollte ich das Foto wieder löschen, aber irgendwie war die Szenerie zu skuril, ich entschied mich für’s Aufbewahren. Am Wochenende geisterte dann die Meldung durchs Netz, dass der Staatschutz gegen den HGB-Studenten Martin Schwarze ermittelt. Anlass dafür bot sein beim HGB-Rundgang ausgestelltes Bild “Was ist Macht?”, das Angela Merkel vor schwarz-rot-goldenem Grund zeigt, während ihr ein Vermummter in Turnschuhen ein Automatikgewehr an die Schläfe hält. Als ich bei Spiegel Online das Gemälde sah, erinnerte ich mich an mein Handyphoto. Mir war der schwarz-rot-goldene Hintergrund in Erinnerung geblieben und tatsächlich – beim genaueren Hinsehen sieht man Martin Schwarzes Bild durch das Tuch schimmern. Wahrscheinlich wird es gerade zur HGB getragen, um dort ausgestellt zu werden.

Die Ermittlungen des Staatsschutzes löste übrigens der Leipziger CDU-Politiker und Europaabgeordnete Hermann Winkler aus. Kunstkritik mit polizeilichen Mitteln, das hatten wir lange nicht. Hätte Winkler Kunstverstand und vielleicht ein bisschen Humor, dann hätte er sich genüsslich und völlig zu Recht darüber auslassen können, wie beschämend schlecht Martin Schwarzes Gemälde sowohl in der Ausführung als auch in der Aussage ist. Martin Schwarze lässt sich bei SPON zitieren, dass seine zentrale Frage “Wer übt wie auf wen Macht aus?” gewesen wäre. Diese Frage mit einem Gemälde zu stellen, das stilistisch den Covern der “Titanic” nachempfunden ist (wenn ihnen gerade nichts witziges einfällt), sagt schon vieles. Wahrscheinlich hätte es die “Titanic”-Redaktion sogar abgelehnt.

Der Herr Abgeordnete Winkler bemühte stattdessen den besorgten Bürger, der in letzter Zeit auch gerne Montags durch die Gegend demonstriert, um sich in dessen gefühltem Auftrag als lebendigen Schutzschild zwischen Kunststudent Schwarze und die bedrohte Vorsitzende und Bundeskanzerlin zu werfen. Wahrscheinlich hätte er die Frage, ob der “Aufruf zur Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung angemessen” sei (Zitat SPON), auch den Mohammed-Karikaturisten entgegengeschleudert, einen “Je suis Charlie”-Sticker am Revers.

Leipzig ist also trotz aller Weltstädtelei immer noch gut für Provinzpossen, wie beruhigend. Angefangen beim Gemälde, über die Besorgnis des Bürgers Winkler bis hin zu den verdrucksten Statements des Kunststudenten, der sich darüber empört, dass die HGB-Rektorin ihn nicht unter ihren Röcken vor den Ermittlungsbehörden versteckt.

Früher, als die Menschen noch schlecht und die Auseinandersetzungen noch gut waren, hat Thomas Brasch mal gezeigt, wie man dem staatlichen Kunstbetrieb tief in die Wade beißt. Und Franz-Josef Strauß hat ihn ebenso nonchalant abtropfen lassen. Beschwert hat sich hinterher übrigens niemand darüber, dass alle ihren Part als Feindbild des jeweils anderen mit stolzer Brust ausgefüllt haben. Immer wieder schön zu anzusehen:

Das Foto werde ich mir übrigens einrahmen und über den Schreibtisch hängen. Um mich daran zu erinnern, dass die schrägsten Geschichten immer noch das Leben selbst schreibt.

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160 Sekunden, ein Jahr

Der Trailer lieferte ja schon einen kleinen Vorgeschmack. Heute präsentieren wir stolz den kompletten Zeitrafferfilm, den wir während des vergangenen Jahres produziert haben. Wenn er euch gefällt, dann liked und teilt und schaut ihn euch noch einmal von vorne an!

Die Geschichte hinter dem Projekt ist folgende: Im vergangenen Jahr produzierten zwei unserer Veranstaltungstechniker einen schönen Zeitrafferfilm, der einen Tag Moritzbastei zusammenfasste. Einen Mittwoch in den Schulferien mit Kinderkino, Song Slam, All you can dance, danach die nächtliche Reinigung. Dieser feine, kleine Film brachte uns auf die Idee, die MB mal im Jahreslauf abzulichten. Gemeinsam mit Josi und unserer damaligen Praktikantin Christina wählten wir vier Motive, bei denen wir uns vorstellen konnten, dass sie für einen Zeitraffer interessant sein könnten.

Das Fotografieren war die erste Herausforderung. Aus Zeiten meines Journalistikstudiums, das noch einen eigenen Bereich Fotojournalismus umfasste,  besitze ich noch ein Semiprofi-Stativ, das war schon mal ein guter Anfang. (An dieser Stelle sei Dr. Jochen Schlevoigt gedankt – seine Ausbildung in Theorie und Praxis der Presse- und Reportagefotografie schätze ich bis heute. Es herrschten geradezu paradiesische Zustände –  Mittelformat- und Spiegelreflexkamera wurden zu den Seminaren gestellt, ebenso Klein- und Rollbildfilme. Das Labor in der Schillerstraße war kostenlos und praktisch rund um die Uhr nutzbar… lange ist’s her.)

Also wurden Markierungen auf den Mauern der MB, auf dem Balkon der Mensa und im Park hinter der Moritzbastei angelegt. Auf den Mauern mussten sie nur einmal erneuert werden, im Park hatte ich Kronenkorken in den Boden gedrückt. Die waren nach ein paar Tagen verschwunden, Kehrmaschine sei dank. Also habe ich mir drei Schrauben geschnappt und die Korken in den Boden geschraubt. Die leichte Veränderung kann man in der Serie entdecken – auf den ersten Bildern ist noch eine kleine Mauer rechts neben der Platane sichtbar, dann verschwindet sie dahinter.

Übers Jahr haben drei Leute fotografiert. Meine Wenigkeit, bis Ende Juni Christina und ab dann Giovanni, die beide ein mehrmonatiges Praktikum bei uns absolvierten. Da ich meine Kamera im August mit in die Ferien nahm, half Giovanni mit seiner für drei Wochen aus. Womit genügend Quellen für Abweichungen beisammen waren. Alleine der tägliche Auf- und Abbau wäre für einen ordentlichen “Wackelfaktor” ausreichend gewesen…

Die Erstellung des Zeitraffers nahm dann entsprechend viel Zeit in Anspruch. Die Belichtung musste nachgeregelt werden, und natürlich die Verschiebungen in den Einzelaufnahmen einander angepasst werden. Auch wenn Photoshop CS6 da ein paar gute Automatismen anbietet, erwies sich das als tüchtige Fummelei. Es gibt auch Programme wie LRTimelapse, aber die sind eher geeignet für “klassische” Zeitraffer, bei denen die Kamera einmal aufgestellt wird und dann die komplette Serie in einem Zug durchfotografiert wird und somit keine Korrekturen der Sichtachse notwendig sind.

Am Ende habe ich mich für den guten alten Windows Moviemaker entschieden, jede vergleichbare Standardsoftware hätte es sicher auch getan. Das Ergebnis ist sicher nicht High-End, jedes Hipster-Instagram-Erstsemester hätte optisch etwas stylischeres hingelegt. Aber ich bin ein alter Sack, und diese ganzen Crossentwicklungsfilter sind mittlerweile auch sowas von Individualistenmainstream… 😉

Gespannt bin ich, wie sich der Film in 10 Jahren anschaut. Die größten Veränderungen an der MB und der Universität scheinen ja seit den Großumbauten der letzten zehn Jahre Geschichte zu sein. Aber wer weiß das schon zu sagen? Die Stadtwerke-Werbung auf dem Europa-Haus habe ich während des Fotografierens zum Beispiel nicht entdeckt. Die beiden modernistischen Großspielgeräte (man sieht auf den Bildern nur die Baustelle) wurden auch während des vergangenen Jahres aufgebaut. Und wer weiß, ob es das WGT in dieser Form in zehn Jahren noch gibt? Oder youtube?

Im besten Fall ist der Film also eine Momentaufnahme der MB- und Stadtgeschichte, der mit den *ähem* Jahrhunderten reift. Heimatkunde für Nerds, sozusagen. Mir würde es aber schon reichen, wenn ihr zweieinhalb Minuten Spaß damit habt.

PS: Ein wenig Eitelkeit in eigener Sache habe ich mir am Ende noch gegönnt. Auf der Suche nach Hintergrundmusik mit youtube-Unbedenklichkeit erinnerte ich mich daran, dass es da mal eine Band gab, die ziemlich viel Instrumentalmusik gespielt hat und es nie schaffte, ihre Stücke bei der Gema anzumelden. Meine Band copola. War das ganze Geprobe und Aufgenehme wenigstens nicht ganz umsonst. 😉

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