Alle Artikel mit dem Schlagwort “NoLegida

/ Autor: torstenreitler

Endorphin, Haltung und T-Shirts.

Das 10. Gastrophonische Neujahrssingen ist Geschichte, die Moritzbastei war als „Die Ärzte“ mit am Start und der ganze Saal so: „Arschloch!“

Am 9. Januar ging im Haus Leipzig das 10. Neujahrssingen der Leipziger Gastro- und Medienvertreter über die Bühne. Die Entscheidung, welchen Song wir in diesem Jahr singen, fiel sehr, sehr spät. Am Ende fiel die Wahl auf „Schrei nach Liebe“, obwohl auch andere sehr tolle Ideen im Raum standen. Ein bisschen unsicher waren wir schon, ob die Nummer nicht zu ausgelutscht wäre und vielleicht auch ein bisschen von der Aktualität eingeholt. Schließlich sind es ja nicht mehr unbedingt Naziskins, die Jagd auf alles machen, was sie nicht in ihr Weltbild gepresst kriegen. Was früher als „rechter Rand“ begriffen wurde, hat sich europaweit in die Mitte der Gesellschaft gefressen, und verschanzt sich hinter „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“.

Als uns dann aber der Jubel entgegentoste und der ganze Saal ein von Herzen kommendes „Arschloch!“ entgegenschmetterte, war klar: Richtige Entscheidung!

Nach dem Auftritt gab es viel Schulterklopfen und Zustimmung und auch  „Das musste einfach mal raus!“ Gern geschehen!
Das zweitmeiste Schulterklopfen gab es für das „Motörhead“-Shirt (Danke an Dirk!). Mein Lieblings-Nicki trug allerdings unser neuer Koch, auf dessen Brust und Rücken das „Loikämie“-Bandlogo prangte mit der Unterschrift: „100% Antifaschist. 100% Antirassist“. Sehr gut!

Für die Zugabe hatten wir uns eine kleine textliche Aktualisierung ausgedacht, die wir hier gerne noch einmal wiedergeben:

„Dein Aluhut ist nur ein stummer Schrei nach Liebe
Dein Legida-Transparent sehnt sich nach Zärtlichkeit
Mit dir kann man nicht auf Facebook diskutieren
Und die Lügenpresse, die hat niemals für dich Zeit – „

Und dann alle so: _ _ _

Vielen Dank an Die Ärzte für die Steilvorlage, vielen Dank an die Organisatoren, die Paratox-Band, die tollen Leipziger Gastronomen und das Publikum, das uns für diesen Abend die Hoffnung erhalten hat, dass die Mitte der Gesellschaft in Leipzig noch nicht aufgegeben hat.

/ Autor: torstenreitler

Nervennahrung für Flüchtlinge

Aktion1+1

Wir sind hier auf Arbeit und nicht auf der Flucht. Zum Glück.

Das Team der Moritzbastei möchte unbürokratisch einen kleinen Teil dazu beitragen, dass die Menschen, die vor Krieg, Not und Perspektivlosigkeit nach Leipzig geflohen sind, eine Chance haben. Wie auch immer es weitergehen wird – wir sind der Meinung, dass Gleichgültigkeit oder Ausgrenzung keine Option sind.

Ein einfacher Weg für uns zu helfen ist es, dass wir Spenden sammeln unter unseren MitarbeiterInnen und Gästen. Für die eingenommenen Gelder kaufen wir in Absprache mit dem Leipziger Flüchtlingsrat e.V. Obst, Gemüse, Süßes, Knabbergebäck. „Nervennahrung“, wie das der Volksmund nennt. Für Menschen, deren Nervenkostüme in Anbetracht von Flucht und Massenunterkunft einiges auszuhalten haben.

Jeden Euro, der gespendet wird, verdoppeln wir. Nach drei Tagen, und ohne dass wir die Aktion irgendwo veröffentlicht hatten, konnten wir schon Nervennahrung für 220 Euro einkaufen und in die Ernst-Grube-Halle bringen, wo sie sehr freudig und dankbar angenommen wurde.

Die „Aktion 1+1“ läuft den ganzen Oktober. Kommt vorbei und spendet. Achtet auf die Gläser mit der roten Banderole, sie stehen an unseren Bars und an den Abendkassen bei Veranstaltungen. Erzählt es weiter und kommt wieder vorbei. Wir haben keine Druckmaschine, um das Geld zum Verdoppeln eurer Spenden aufzutreiben, also brauchen wir euch als Gäste. 🙂

Über den Verlauf der Aktion und die eingeflossenen Spenden informieren wir euch natürlich hier und auf Facebook.

 

/ Autor: torstenreitler

Montag, Mittwoch, Freitag, immer.

nolegida

Kaum sind die Wendegedenklichter verglommen wird in Leipzig wieder Politik auf der Straße ausgetragen. Da hatte man sich gerade so schön in der Hypezig-Likezig-Wohlfühlnische eingerichtet, sich ein schönes Stadtjubiläum zurechtgebastelt, alle fanden die Stadt irgendwie kuschelig und dufte, und dann diese hässlichen Bilder, Sprechchöre, Losungen. Der größte Polizei-Einsatz nach der Wende am 21. Januar ließ sogar die Scharfschützen beim Lichterfest vergessen. Die Moritzbastei steht mittendrin, wenn die Legida-Demonstrationen auf dem Augustusplatz stattfinden. Am 21.1. wurde auf unserem Dach demonstriert, die Polizeiabsperrungen an unserem Haus trennten nicht nur die jeweiligen Lager, sondern auch unsere Gäste von uns. Kommenden Freitag droht uns wohl ein ähnliches Szenario.

Was in der Innenstadt passiert, betrifft uns ganz direkt. Egal, an welchem Tag demonstriert wird, wir verlieren Besucher. Weil sie demonstrieren und ihnen danach die Lust zum Tanzen vergangen ist. Weil sie zwar nicht demonstrieren wollen, aber Menschenmassen und Polizeiabsperrungen sie davon abhalten, zu uns zu kommen. Weil ihnen die Anspannung in der Innenstadt nicht geheuer ist und sie lieber in anderen Stadtteilen ausgehen. Stärker als uns betrifft das sicher Oper und Gewandhaus, wo man sicher über die Demoanmeldungen bis zum Ende des Jahres schwer geschluckt haben dürfte.

Wir brauchen also gar nicht lange davon zu reden, dass wir ein internationales Kulturzentrum sind, dass wir europäisch vernetzt sind, Menschen und Künstler aus aller Herren (und Damen) Länder bei uns zu Gast haben (wollen!), dass studentische Kultur fast schon per Definition eine ist, die über den Tellerrand schaut, dass wir uns ein Leben ohne Rock’n’Roll, HipHop, Jazz, arabische Ziffern und lateinische Buchstaben nicht mal ansatzweise vorstellen wollen. Wir finden die Legida-Demonstrationen auch aus einem ganz eigennützigen und praktischen Umstand zum Kotzen – sie vertreiben unsere Gäste.

Das Banner an unserem Haus, welches wir in einer gemeinsamen Aktion mit dem Livekommbinat angebracht haben, kommt also von ganzem Herzen. Wenn wir es einrichten können, werden wir unsere Veranstaltungen so organisieren, dass ihr demonstrieren gehen könnt, ohne etwas von unserem Programm zu verpassen. Via Homepage und social media halten wir euch auf dem Laufenden, wenn sich Anfangszeiten verschieben (müssen) oder wir – wie heute Nacht (die Demo war ja für heute geplant) – auf den Eintritt bei unserer Party verzichten.

Hoffen wir mal, dass uns die angedrohte Dauerdemo erspart bleibt. So oder so. Bis dahin zeigen wir weiter, dass weltoffene Kultur so viel aufregender ist, als sich selbst zu begrenzen und in der eigenen Soße vor sich hin zu schmoren. Das ist unserer Meinung nach das Beste, was Befürworter einer offenen Gesellschaft tun können – zu zeigen, dass eine solche bei allen Problemen und Anstrengungen besser ist, als eine abgeschottete. Freitag zum Beispiel spielt das Projekt Masaa des in Bremen lebenden Libanesen Rabih Lahoud bei uns, das gerade den deutschen Weltmusikpreis RUTH 2015 gewonnen hat. Wenn ihr es schafft, kommt vorbei.