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/ Autor: torstenreitler

Historisches Fundstück

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Es gehört zu den Eigenheiten der Moritzbastei, dass in ihren verwinkelten Räumlichkeiten, die basteigemäß-standhaft dem modernen Architektendogma „form follows function“ trotzen, so manches scheinbar unwiderbringlich verloren geht. Weil aber auf unserem Planeten nichts wirklich verschwinden kann, tauchen hin und wieder auch mal Sachen auf, von denen wir gar nicht wussten, dass wir sie beherbergen.

So hat unser Lagerist Watson bei den Vorbereitungen zum Fahrstuhlbau ein interessantes Fundstück zu Tage gefördert: einen Reliefdruck eines historischen Leipziger Stadtplans, umrandet von Ansichten markanter Leipziger Gebäude der Zeit. Da das gute Stück undatiert ist, recherchierte ich im Internet nach Vorlagen oder Hinweisen. Dabei ergaben sich für mich neue Erkenntnisse: der „Brühl“ ist nicht nach dem berühmten Geheimrat Augusts des Starken benannt, sondern bezeichnet ein Feuchtgebiet; unsere viel verwendete Stadtansicht von ca. 1600 stammt von Matthäus Merian d.Ä. Aber bei der Datierung unseres Fundstücks brachte mich das nicht weiter.

Also fragte ich nach, wo man über die Leipziger Stadtgeschichte am besten Bescheid wissen sollte, nämlich beim gleichnamigen Museum. Frau Dura von den Kunsthistorischen Sammlungen nahm sich freundlicherweise der Sache an und löste das Rätsel:

„Der Plan mit den Gebäudeansichten, wie Sie ihn gefunden haben, ist sehr interessant. In genau dieser Variante besitzen wir ihn nur in einer unkolorierten Fassung. Der Stadtplan geht auf den Nienborgschen Atlas von 1707/10 zurück, die Gebäudeansichten stammen von Joachim Ernst Scheffler, greifen aber teilweise auf ältere Vorlagen aus der Zeit um 1720/30 zurück. “ 

Nun wissen wir es also: Hans August Nienborg hat die Vorlage für das gute Stück geliefert. Welcher pfiffige Mensch allerdings wann warum und wo den Reliefdruck fertigte, werden wir wohl so einfach nicht erfahren. Wir suchen jetzt nach einem geeigneten Platz für das gute Stück. Vielleicht gibt es ja den Anstoß, unsere schon lange geplante „Historienschau“ einzurichten; einen Platz, an dem sich Besucher der Moritzbastei über deren Geschichte informieren können. Sind ja noch nicht alle ständig online.

Zum Abschluss noch zwei Fotos des Planes, dazu eine Ansicht von oben erwähntem Matthäus Merian und ein Stadtplan von 1823. Im Vergleich sieht man, wie wenig Leipzig zwischen zwischen 1600 und 1800 gewachsen ist und man bekommt ein Gefühl dafür, mit welcher Wucht die Industrialisierung die Stadt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verändert hat.

[mygal=stadtplan]