Alle Artikel mit dem Schlagwort “Kunst

/ Autor: torstenreitler

Provinzposse mit Merkel

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Mitte Februar zückte ich mein Telefon, als ich Zeuge wurde, wie zwei junge Männer ein weiß verhülltes Gemälde in Richtung Karl-Tauchnitz-Straße trugen. Später wollte ich das Foto wieder löschen, aber irgendwie war die Szenerie zu skuril, ich entschied mich für’s Aufbewahren. Am Wochenende geisterte dann die Meldung durchs Netz, dass der Staatschutz gegen den HGB-Studenten Martin Schwarze ermittelt. Anlass dafür bot sein beim HGB-Rundgang ausgestelltes Bild „Was ist Macht?“, das Angela Merkel vor schwarz-rot-goldenem Grund zeigt, während ihr ein Vermummter in Turnschuhen ein Automatikgewehr an die Schläfe hält. Als ich bei Spiegel Online das Gemälde sah, erinnerte ich mich an mein Handyphoto. Mir war der schwarz-rot-goldene Hintergrund in Erinnerung geblieben und tatsächlich – beim genaueren Hinsehen sieht man Martin Schwarzes Bild durch das Tuch schimmern. Wahrscheinlich wird es gerade zur HGB getragen, um dort ausgestellt zu werden.

Die Ermittlungen des Staatsschutzes löste übrigens der Leipziger CDU-Politiker und Europaabgeordnete Hermann Winkler aus. Kunstkritik mit polizeilichen Mitteln, das hatten wir lange nicht. Hätte Winkler Kunstverstand und vielleicht ein bisschen Humor, dann hätte er sich genüsslich und völlig zu Recht darüber auslassen können, wie beschämend schlecht Martin Schwarzes Gemälde sowohl in der Ausführung als auch in der Aussage ist. Martin Schwarze lässt sich bei SPON zitieren, dass seine zentrale Frage „Wer übt wie auf wen Macht aus?“ gewesen wäre. Diese Frage mit einem Gemälde zu stellen, das stilistisch den Covern der „Titanic“ nachempfunden ist (wenn ihnen gerade nichts witziges einfällt), sagt schon vieles. Wahrscheinlich hätte es die „Titanic“-Redaktion sogar abgelehnt.

Der Herr Abgeordnete Winkler bemühte stattdessen den besorgten Bürger, der in letzter Zeit auch gerne Montags durch die Gegend demonstriert, um sich in dessen gefühltem Auftrag als lebendigen Schutzschild zwischen Kunststudent Schwarze und die bedrohte Vorsitzende und Bundeskanzerlin zu werfen. Wahrscheinlich hätte er die Frage, ob der „Aufruf zur Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung angemessen“ sei (Zitat SPON), auch den Mohammed-Karikaturisten entgegengeschleudert, einen „Je suis Charlie“-Sticker am Revers.

Leipzig ist also trotz aller Weltstädtelei immer noch gut für Provinzpossen, wie beruhigend. Angefangen beim Gemälde, über die Besorgnis des Bürgers Winkler bis hin zu den verdrucksten Statements des Kunststudenten, der sich darüber empört, dass die HGB-Rektorin ihn nicht unter ihren Röcken vor den Ermittlungsbehörden versteckt.

Früher, als die Menschen noch schlecht und die Auseinandersetzungen noch gut waren, hat Thomas Brasch mal gezeigt, wie man dem staatlichen Kunstbetrieb tief in die Wade beißt. Und Franz-Josef Strauß hat ihn ebenso nonchalant abtropfen lassen. Beschwert hat sich hinterher übrigens niemand darüber, dass alle ihren Part als Feindbild des jeweils anderen mit stolzer Brust ausgefüllt haben. Immer wieder schön zu anzusehen:

Das Foto werde ich mir übrigens einrahmen und über den Schreibtisch hängen. Um mich daran zu erinnern, dass die schrägsten Geschichten immer noch das Leben selbst schreibt.

/ Autor: luiset

Der Zeitungsleser

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Manchmal gibt es Dinge im Leben, die sind untrennbar miteinander verbunden. So wie die Hühner und das Ei, der Tanz und die Musik oder Leipzig und das Allerlei. Und um solch einen Fall handelt es sich auch bei unserem Zeitungsleser – Er ohne die Moritzbastei, die Moritzbastei ohne ihn? Undenkbar!

Der Künstler Stefan Thomas Wagner kennt das Haus seit Jahrzehnten und war schon dabei, als die erste Tonne im Oberkeller das Licht der Welt erblickte. Wir trafen uns mit ihm zu einem persönlichen Gespräch um die Geschichte hinter dem „Leser“ herauszufinden.

Thomas Stefan Wagner studierte bildende Kunst und wurde nach Ende des Studiums mit 15 weiteren Kollegen von der damaligen Klubleitung der Moritzbastei gebeten, neue Kunstwerke für den Studentenclub zu schaffen. Einige von Ihnen sind noch heute erhalten, andere wiederum haben die exzessiven Zeiten von Partys, Sanierungen und Umbauten nicht überlebt. Der Zeitungsleser steht jedoch seit 1983 im Café Barbakane – wenn auch sein Standort und seine Zeitung sich im Laufe der Jahrzehnte wandelten (siehe Bildergalerie). Ein staatlicher Mann mittleren Alters, mit der Zeitung „Neues Deutschland“ in der Hand, welche mehrere Löcher aufweist. Man sieht sein Gesicht erst einmal nur von der Seite – starr und in sich ruhend. Läuft man jedoch an ihm vorbei „spaltet“ sich sein Gesicht und öffnet sich zu einem Schrei.

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Diese Art der Darstellung hat eine tiefe Bedeutung. „Die Zensur in der DDR ermöglichte es Künstler nicht, geradlinige Kritik zu äußern. Also musste eine subtilere, abstraktere Art und Weise der Darstellung her. Die Löcher symbolisieren die Fehler im System, die Inhalte der DDR-Politik wurden in Frage gestellt“, so Wagner.

Nachdem die Figur öffentlich ausgestellt wurden war, gab es viele Anfragen von Seiten der Medien, was genau es mit dem Leser auf sich hatte. Wagner, bekannt für seine systemkritischen Figuren, bestritt die Anspielung auf das DDR-Regime und wurde hierbei von der Leitung der Moritzbastei unterstützt. Zwei Jahre später, 1985 zerstörten Unbekannte sein Atelier: „Das war natürlich nicht nur die Konsequenz aufgrund des Zeitungslesers, sondern auch aufgrund anderer systemkritischer Arbeiten“.

Heute kommt er noch regelmäßig in die Moritzbastei, wo sich neben dem Zeitungsleser noch zwei weitere Arbeiten von ihm befinden. So gestaltete er das Deckengemälde im Schwalbennest mit, und im Oberkeller kann in einer der Tonnengewölbe seine Plastik „Mauernbrecher“ besichtigt werden – ein nackter Korpus, der im Laufschritt mit dem Kopf durch die Wand zu gehen schein.

Hin und wieder muss Wagner auch vorbeischauen , um Restaurationsarbeiten an seiner Plastik vorzunehmen. Kurz nachdem er seinen aktuellen Standort bezog – auf der Säule, auf der zwischen 1982 und 2012 die Lessingbüste ihren Platz hatte – wurde der Zeitungsleser von einem angetrunkenen Diskogast schwer beschädigt. Im Zuge der Reparaturarbeitern hat der Zeitungsleser wieder eine Ausgabe des „Neuen Deutschlands“ aus dem Jahr 1989 in der Hand, „als Erinnerung an die damalige Zeit.  Damit wir diese nie vergessen und uns bewusst machen, wie es ist in einem freien Land ohne Zensur zu leben.“

/ Autor: torstenreitler

Beknackte Typen

Der Zeitungsleser hat dreißig Jahre relativ unbeschadet seine Aufgabe in unserem Café Barbakane verlebt. Seine Zeitung hat hin und wieder gelitten, manchmal war sie sogar verschollen. Im vergangenen Jahr wurde er von seinem Schöpfer generalüberholt. Am Donnerstag nahm er dann seinen neuen Platz auf dem Säulensockel ein, nachdem seine langjährige Cafébekanntschaft Lessing uns in Richtung Augustineum verlassen hatte. Read More

/ Autor: torstenreitler

The good, the bad and the ugly

In welcher Beziehung Kunst und Können stehen, darüber möge streiten, wer will. Dass Kunst ohne Können schnell Quark wird, lässt sich hervorragend am Beispiel Graffiti und Street art zeigen. Da wir uns hin und wieder beruflich und gezwungenermaßen mit dieser Thematik befassen, hier ein kleiner bebilderter Exkurs. Read More

/ Autor: torstenreitler

Abschied von Lessing

Anfang Januar meldete sich der Kustos der Universität Leipzig, PD Dr. phil. habil. Rudolf Hiller von Gaertringen, mit einem Brief bei uns. Er sandte uns traurige Nachrichten:

„Wie sie möglicherweise wissen, soll die seit den frühen 1990er Jahren bei Ihnen in der Moritzbastei aufgestellte Kollosalbüste Gotthold Ephraim Lessings im Rahmen des Kunstkonzepts für den Campus Augustusplatz künftig im Foyer des Neuen Augusteums präsentiert werden. Ein präziser Aufstellungstermin kann bislang noch nicht genannt werden, doch soll die Plastik nach Möglichkeit bei der Inbetriebnahme des Gebäudes zum Sommersemester am neuen Ort aufgestellt sein.“

Nun gut, Leihgaben sind nur geliehen. Die Inschrift auf dem Rücken der Büste weist es aus: „Carl Seffner 1909 Der Universität zum Jubiläum 1909 d. Lpz. Herrenabend“. Aber der gute Gotthold ist schon lange so etwas wie ein liebgewordenes Familienmitglied geworden. Meiner bescheidenen Meinung nach steht er auch schon länger in der Moritzbastei, zumindest seit den späten 1980er Jahren, was ein Foto aus unserem Archiv nahe legt. Read More

/ Autor: josephine

Noch 2x schlafen, dann wird gerockt!

Abziehtattoo zum Trocken Rocken Festival in der Moritzbastei

So langsam macht sich eine veritable Vorfreude unter den MB-Mitarbeitern breit: am Freitag ist es endlich soweit! TROCKEN ROCKEN 2!

Auch die Musiker, mit denen ich sprechen konnte sind schon im positivsten Sinne uffjerecht (so muss das sein! Dank Adrenalin zur Bestleistung!).

Eigentlich verbietet es sich ja nach den jüngsten Ereignissen auf unserem Müllplatz, irgendwas von „heißer Party“ zu kalauern, aber naja.

Das handverlesene LineUp äußert sich also in erster Linie in einem fromidablen Elektorfloor (Roquette Science! Weltall Erde Mensch!! Micronaut & Sergeant Klang!!!), einem extrem tanzbeinforderndem Indiefloor (Tetrête! Live From Las Vegas!! Space Hobos!!! Tommes & Pipapo!!!!) und musikalisch anspruchsvollster Barmucke für alle Schöngeister unter den Gästen in den Umbaupausen.

Im Prinzip hätte man es man es dabei belassen können.

Haben wir aber nicht.

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