Alle Artikel in der Kategorie “Geschichte

Kommentare 0
/ Autor: torstenreitler

Still got the blues.

Wer heute in der Leipziger Volkszeitung die Szene-Seite gelesen hat, der konnte einen tiefen Atemzug MB-Geschichte einatmen. Unter der Überschrift „Und jährlich grüßt das Murmeltier“ wurden Veranstaltungen vorgestellt, die traditionell im Dezember auf den Leipziger Bühnen stattfinden. Drei der vier vorgestellten Weihnachtsinstitutionen veranstaltet die Moritzbastei, und die älteste davon ist das Konzert mit Engerlin am Freitag vor Weihnachten. Es findet seit 1983 statt.

Aus diesem Jahr 1983 gibt es ein Musikvideo von Engerling, als sie ihren ersten Hit „Mama Wilson“ im DDR-Fernsehen aufführten. Die Sendung hieß „Stop! Rock“ und was so etwas wie der „BeatClub“ des Arbeiter- und Bauernstaates. Um so erstaunlicher, dass sich das Video nur an einer Stelle des Internets findet: auf der Seite von VIVA.tv!

Auch sehr schön ist die Dokumentation „Blueser in der DDR“, die in rauschenden Schwarzweißbildern aus dem Engerling-Proberaum erzählt:

Als wir vor zwei Jahren unseren Backstage renovierten, haben wir einige der alten Inschriften an der Wand nicht übermalt. Natürlich gehören die jährlichen Eintragungen der Engerling-Konzerte zum erhaltenswerten Moritzbastei-Kulturgut!

In diesem Jahr spielen Engerling am 21. Dezember (klar, am Freitag vor Weihnachten). Als special guest dürfen sich alle Fans auf Shir-Ran Yinon freuen. Die international bekannte Violonistin und Sängerin stand schon mit vielen anderen Rockbands auf der Bühne (u.a. mit New Model Army) und auch bei Engerling war sie schon desöfteren als Gast dabei.

 

 

 

Kommentare 0
/ Autor: torstenreitler

Wir sind umgezogen!

Kurt-Masur-Platz 1. Das ist seit dem 9. Oktober 2018 die neue Adresse der Moritzbastei.

Wie das kam? Bisher war die Moritzbastei unter der Leipziger Adresse Universitätsstraße 9 eingetragen. Was häufig für Verwirrung sorgte, denn die  Universitätsstraße lässt die alte Bastei deutlich links liegen, wenn man dem Straßenverlauf vom Roßplatz zur Grimmaischen Straße folgt. Unzählige Bands, Lieferanten und Gäste haben im Laufe der Jahre leicht genervt nach dem Eingang zur MB gesucht.

Die Benennung des Platzes zwischen Mensa, Gewandhaus und Moritzbastei nach Gewandhauskapellmeister Kurt Masur war also eine willkommene Gelegenheit, über eine Adressänderung nachzdenken. Und nachdem auch Masurs Witwe Tomoko Masur den Gedanken durchaus reizvoll fand und meinte, dass ihr Mann die Idee sehr charmant gefunden hätte, beantragten wir die Hausnummer 1 am Kurt-Masur-Platz für die Moritzbastei. Die Stadt Leipzig hatte keine Einwände – voila!

Kurt Masur war hin und wieder zu Gast in der Moritzbastei, wenn auch nur zu geschlossenen Festveranstaltungen und nicht zu verrauchten Rock-Konzerten. Die Bastei fand er aber immerhin geeignet, die Feier zur Eröffnung des Neuen Gewandhauses im Jahr 1981 bei uns zu feiern.

Auch seine Tochter Carolin Masur ist eine gute Freundin des Hauses, vor einigen Jahren moderierte sie bei uns „Masurs Hausbar“, ihre eigene Late-Night-Show mit Gästen aus Kunst und Kultur.  Sicher hätte Kurt Masur auch seine Freude an KLASSIK underground gefunden, unserer Reihe mit klassischen Konzerten in der Moritzbastei, die wir in Kooperation mit dem Gewandhausorchester produzieren.

Als nächsten Gast in dieser Reihe erwarten wir übrigens Alan Gilbert, der wie Kurt Masur als Chefdirigent bei den New Yorker Philharmonikern wirkte.  Die Moritzbastei am Kurt-Masur-Platz 1 fühlt sich ganz und gar richtig an  – ein Ort mit stadtgeschichtlicher Bedeutung, der seit fast 40 Jahren als Schmelztiegel des Leipziger Kultur- und Nachtlebens wirkt.

/ Autor: torstenreitler

Dieser Baum gehört dem alten Mann

So alt ist Peter „Cäsar“ Gläser gar nicht geworden.  Vor knapp zehn Jahren starb er, neunundfünfzig Jahre hinter sich lassend, deren Höhen und Tiefen Stoff für mehr als ein Leben lieferten. Als Gitarrist von RENFT wurde er zu einer Ikone der DDR-Rockmusik, und obwohl (oder weil?) die Band auf dem Höhepunkt ihres Erfolges 1975 mit einem Auftrittsverbot belegt wurde und zerbrach, überdauerte ihre Legende auch den Untergang der Deutschen Demokratischen Republik. Peter Gläser brachte Zerbrechlichkeit, Poesie und Idealismus mit in die vor Testosteron strotzende Renft-Combo und komponierte einige ihrer zärtlichsten Lieder.

Was bleibt von so einem Leben, das für die Verwertungsmechanismen der heutigen Musikindustrie kaum taugt? Zwar spielt Thomas „Monster“ Schoppe als einziges verbliebenes Mitglied mit alten Weggefährten eine Tournee zum 50-jährigen Bühnenjubiläum von Renft (Christian „Kuno“ Kunert kann nicht mehr als Musiker auftreten und schreibt Romane). Doch langsam gehen auch die einstigen Fans des DDR-Rocks in die Geschichte ein. Bestehen „Cäsars“ Songs aus der Hochzeit des progressive rock den Test der Zeit?

Zwei von Cäsars fünf Kindern, Moritz und Robert Gläser, wollen genau das beweisen. Ihre Band heißt Apfeltraum, so wie eins der berühmtesten Lieder, das ihr Vater komponierte (die Überschrift ist dem Liedtext entnommen). Sie bringen seine Songs auf die Bühne, übermorgen zum zweiten Mal in der Moritzbastei. Es wird sicher spannend zu hören sein, wie sich Cäsars Songs einfügen in eine Zeit, in der wieder viele junge Konzertgänger zu Bands wie Wucan oder Polis pilgern, die sich sich im Auftreten und im Sound genau wie einst Renft an den großen Vorbildern von Vanilla Fudge, Deep Purple oder King Crimson abarbeiten.

Das erste Zusammentreffen zwischen Peter Gläser und der Moritzbastei fand übrigens im Jahr 1975 statt. Renft waren die Stars des Baukonzerts Nr. 5, mit dem für den Wiederaufbau der Moritzbastei als Jugend- und Studentenklub geworben werden sollte. Die Band war damals zu berühmt, als dass die Moritzbastei-Baustelle allen Fans hätte Platz bieten können. Das Konzert fand also in der benachbarten Kalinin-Mensa statt, einem alten Biersaal, der seit kurzem wieder als Veranstaltungsort dient.

Renft waren 1975 aber nicht nur berühmt, sondern auch berüchtigt, weshalb das Konzert nur mit anschließender Diskussion stattfinden konnte, in der die Musiker ihre Texte verteidigen mussten, die den DDR-Alltag und den politischen Mief der Zeit mehr oder weniger unverblümt thematisierten. Nur kurze Zeit später durfte Renft nicht mehr in der DDR auftreten, Bandmitglieder wurden verhaftet und fanden sich über kurz oder lang in der Bundesrepublik wieder. Cäsar blieb bis 1989, gründete mit Karussell eine weitere große DDR-Rockband und gastierte später immer wieder in der Moritzbastei. Die Bands trugen jetzt seinen Spitznamen im Titel, das Bild am Anfang des Artikels stammt aus den 1980er Jahren (wie die Stulpen des Rhythmusgitarristen verraten).

Veranstaltet wird das Konzert übrigens vom Anker e.V., der inoffiziellen Nachwende-Wohnstube von Renft im Leipziger Norden, die aufgrund der umfassenden Rekonstruktion nicht für Veranstaltungen genutzt werden kann.

/ Autor: torstenreitler

Wir gehen über den Tresen

Das Moritzbastei-Café wird eine Baustelle. Unser Tresen wird überarbeitet erhält ein upcycling, wie man heute sagt. Oben seht ihr einen der ersten Entwürfe, auf dem die Planer von  brandvorwerk-design das zukünftige Aussehen skizziert haben .

Der Sommer ist für ein solches Vorhaben der beste Zeitraum. Im August schlägt der Puls Leipzigs langsamer (wie auch das Uniradio mephisto 97.6 kürzlich feststellen musste), wer nicht in die Ferne schwof, der liegt ganz nah am Cossistrand. In die City zieht es nur die ansässigen Händler und Werktätigen, schulpflichtige Kinder, die mit ihrer Ferienlangeweile nichts  besseres anzufangen müssen und ab und zu verläuft sich ein Tourist im neuen Museumswinkel.  Die großen Spielstätten halten Sommerschlaf, vor den Leinwänden der Classic open lungern die Eventjunkies herum und ziehen sich DVDs von Konzerten rein, die schon live oft nicht mehr als Kultursurrogat waren.

Auch in der Moritzbastei fahren wir die Generatoren im Sommer auf halber Kraft. Draußen in den Höfen und auf der Terrasse spielen wir Sommertheater und Sommerkino, drinnen nutzen wir die Zeit zum Renovieren. Dieses Jahr ist der Tresen im Café Barbakane dran, der ein wenig in die Jahre gekommen ist.  Außerdem haben wir festgestellt, dass die Funktionalität um einiges verbessert werden könnte. Was unter anderem daran liegt, dass ihr unser Mittagsangebot nun schon seit geraumer Zeit so gern und zahlreich nutzt. 🙂

In der Zeit vom 7.-17. August wird daher bei uns kräftig gewerkelt, weshalb wir unser Essenangebot ein wenig einschränken müssen. Wir hoffen auf euer Verständnis und werden die reduzierte Auswahl durch maximierten Charme wettmachen.

Bei der Gelegenheit lohnt auch ein Blick in die Vergangenheit. So sah unser Cafétresen in den 1980er-Jahren aus:

Anfang der 1990er erhielt dann der Tresen die Form, die er im wesentlichen heute noch hat:

Allerdings fehlten da noch der Überbau und das Rückbuffet. Dafür gab es einen Pizzaofen – wer erinnert sich noch an die durchtanzten Nächte, bei denen ein Stück Pizza um Mitternacht den überschüssigen Alkohol aufsaugte?

Sein heutiges Aussehen hat der Tresen nun auch schon seit über 10 Jahren:

Zeit also für einen Neuanfang. Wir spucken ab Sonntag in die Hände und sind gespannt, wie euch der neue Tresen gefallen wird!

/ Autor: torstenreitler

Wappen hier los?

IMG_2694

Veränderungen tun gut. Auch, wenn man wie die Moritzbastei zielstrebig auf seinen 500. Geburtstag zusteuert.  Mit der Anbringung des originalen Wappensteins im Oberkeller fand die Sanierung der Außenmauern der Moritzbastei ihren Abschluss. Im Zuge der Sanierung, die im Wesentlichen von 2009-2013 erfolgte und die Bastei wieder vor eindringendem Erd- und Regenwasser schützen soll, wurde der über die Jahrhunderte stark verwitterte Wappenstein fachgerecht konserviert.

Der Wappenstein, der ursprünglich wohl das Wappen des Kurfürstentums Sachsen zeigte, ist bereits auf Darstellungen aus dem 16. Jahrhundert zu erkennen:
His001

Die Geschichte der Moritzbastei ist von Umbauten, Zerstörung und Wiederaufbau geprägt, der Wappenstein aber blieb immer am gleichen Ort erhalten. Und verwitterte bis zur Unkenntlichkeit.  So sah er in den 1980ern aus:imm024

Die Erfindung des schlechten Grafittis machte die Sache nicht besser, wie diese Aufnahme zeigt, die im Jahr 2008 entstand:2008 0805 Wappen

Den Auftrag zur Konservierung des Wappensteins erhielt der Leipziger Bildhauer Markus Gläser.2011 0608 Markus_Gläser_Foto_AndreasSchmidt

Um den Originalstein aus dem 16. Jahrhundert vor weiterem Verfall zu schützen, wurde an seiner Stelle eine Replikation angebracht. Da keine verwertbaren Originaldarstellungen erhalten sind, ist der neue Stein eine künstlerische Neuschöpfung, die das kurfürstliche Wappen im Zentrum zeigt.  An der unteren Spitze findet sich das Wappen der Stadt Leipzig, umrankt ist der Stein von Weinranken und -reben.2011 0609 Wappen

Der Originalstein schließlich wurde diese Woche in der „Traditionsecke“ im Bereich des Oberkellers an der Wand angebracht:IMG_2692

Die Konservierung und Anbringung wurde unter anderem durch Spendengelder finanziert. Vielen Dank an dieser Stelle noch einmal an alle, die einen Beitrag zu den Spenden in Höhe von 14.000 Euro beigetragen haben. Auch an die Kulturstiftung Leipzig noch einmal einen Dank, die uns bei der Einwerbung der Spenden unterstützte.IMG_2778

Auf die nächsten 500 Jahre, Wappenstein!

Und wer mehr zur Geschichte der Moritzbastei erfahren möchte, kann sich hier im Blog umschauen oder auf der Webseite der MB. Oder eine unserer Führungen besuchen.

/ Autor: markus-koerner

Wie war das noch gleich mit dem Wiederaufbau?

Ist es nicht schön wenn sich alles so gut ineinander fügt? Ja das ist es. Auf der Suche nach Aufnahmen und Anekdoten aus der jüngeren Vergangenheit der Moritzbastei kam zufällig ein Mann auf uns zu und lieferte beides, Fotografien und die Geschichten dahinter. Die Rede ist von Hans-Wolfgang Wenzel, einem Sohn der Stadt Leipzig, gelernter und studierter Maschinenbauer und Ingenieur sowie seit 1974 Hobbyfotograf. Letzterem haben wir wunderbare Aufnahmen u.a. aus den Jahren 1978 und 79 zu verdanken.

Im Jahr 1974, am 30. März um genau zu sein, wurde der Grundstein für das „Studentenprojekt Moritzbastei“ gelegt. Zu diesem Zeitpunkt lag bereits eine aufregende Zeit hinter den Mauern des heutigen Kulturzentrums im Innenstadtring und eine ebenso aufregende neue begann. Die gesamte Geschichte der Moritzbastei kann man hier nachlesen.

Hans-Wolfgang Wenzel und seine Frau kehrten nach ihrem 1977 beendeten Studium aus Magdeburg zurück nach Leipzig und leisteten Anfang 1978 aus persönlichem Interesse Aufbaustunden in der Moritzbastei. „Da ich nie oder selten ohne Kamera unterwegs bin, machte ich natürlich einige Fotos vom Wiederaufbau der MB.„, so Herr Wenzel in einem kurzen Interview zu den Fotografien. Es ist unser Glück, dass er sein Hobby immer im Blick hatte und so schöne Fotografien vom Wiederaufbau entstanden. Dadurch entstand auch ein guter Kontakt zu Peter Kunz, dem damaligen Direktor bzw. Klubleiter der Moritzbastei. Dieser bat Hans-Wolfgang Wenzel in Folge seiner Mitarbeiter gelegentlich um Aufnahmen von Veranstaltungen in den bereits fertiggestellten Räumen.

John Stave – Lesung in der großen Tonne (April 1978)
Karnevalseröffnung in der großen Tonne (November 1978)
Barbara Thalheim in der großen Tonne (Mai 1979)

Parallel zu den ersten Lesungen, Feiern und Konzerten in der großen Tonne (die heutige Veranstaltungstonne) wurden die Arbeiten am Oberkeller und den restlichen Räumen vorangetrieben. Ein besonderer Meilenstein war die 100.000. Aufbaustunde, wohlgemerkt alles freiwillige Arbeitsstunden, am 08. Februar 1979.

Gruppe von freiwilligen Arbeitern zusammen mit Peter Kunz zur Begehung der 100.000 Aufbaustunde vor dem Basteieingang (Februar 1979)
Bauarbeiten im Unterkeller (Januar 1979)
Bauarbeiten im Oberkeller (Januar 1979)

Am 01. Dezember 1979 wurde der Oberkeller feierlich eröffnet und erstrahlte in einem Glanz, den er bis heute bewahren konnte. Abgesehen von den Polsterbezügen auf der ein oder anderen Sitzgelegenheit wurde das bewährte Aussehen und die Einrichtung beibehalten und dient somit seit fast vier Jahrzehnten als Anlaufpunkt für Veranstaltungen verschiedenster Art.

Oberkeller zur Eröffnung (Dezember 1979)
Oberkeller zur Eröffnung (Dezember 1979)
Oberkeller zur Eröffnung (Dezember 1979)

Zum Abschluss sei noch ein großes Dankeschön an Herrn Hans-Wolfgang Wenzel gerichtet, der uns mit seinen Fotografien und den dazugehörigen Informationen ein Stück weit mitnehmen konnte, in eine prägende Zeit der Moritzbastei, auf die wir gern zurück blicken. Hans-Wolfgang Wenzel lebt heute in Klinga bei Grimma und ist weiterhin künstlerisch aktiv.

Selbstportrait Hans-Wolfgang Wenzel (Dezember 1979)

/ Autor: torstenreitler

Abgestempelt

stempelheadWas sich beim Aufräumen manchmal so findet: Unsere Verwaltung muss ihr Büro in der Ritterstraße räumen, dabei fand sich eine Kiste mit alten Stempeln aus den 1980er Jahren an. Einen gewissen Charme haben sie ja, auch wenn diese altdeutsche Fraktur heute etwas befremdet.

stempel2

Hübscher sind das schon diese alten Biermarken. Die lagen auch in der Kiste. Staubige Akten müssen schon damals für trockene Kehlen gesorgt haben. 😉Biermarken

 

 

/ Autor: torstenreitler

Neuigkeiten, Altigkeiten

Letzten Montag feierte Wilfried Schlosser, ehemaliger Stadtrat und stellvertretender Oberbürgermeister Leipzigs, seinen 80. Geburtstag in der Moritzbastei.  Schlosser war in den 1970er Jahren einer der wichtigsten Unterstützer des Moritzbastei-Wiederaufbaus bei der Leipziger Stadtverwaltung. Zu seinen Gratulanten gehörten natürlich auch ehemalige Kollegen und Mitstreiter beim Wiederaufbau der MB. Unter anderem sein damaliger Referent Lothar Birk, der die Zusammenarbeit mit den Leipziger Baubetrieben koordinierte. Bei solchen Gelegenheiten werden natürlich immer auch olle Kamellen ausgetauscht, für mich als „Nachgeborenen“ fallen da immer auch ein paar interessante Geschichten ab.

Es gibt aber auch andere Quellen, die immer wieder Dinge über die Moritzbastei zu Tage fördern, die auch mir noch nicht bekannt waren. Zum Beispiel die Social-Media-Redaktion des Universitätsarchives, die sehr emsig auf zwei(!) instagram-Profilen Schätze aus ihren Beständen mit kleinen Erläuterungen postet (das Abo macht richtig Spaß!). Auch ihren facebook-Kanal pflegen sie vorbildlich, unter anderem mit Bildern von der Baustelle der Moritzbastei aus den 1970ern.

Auf dem Instagram-Profil fotokanaluniarchiv fand ich auch die kolorierte Stadtansicht von Leipzig aus dem Jahr 1617. OLYMPUS DIGITAL CAMERAÜber die Detailtreue des Bildes kann man streiten, offensichtlich beruht die Arbeit auf einer Vorlage aus der berühmten „Civitates Orbis Terrarum“ von Frans Hogenberg und Georg Braun. Die Moritzbastei in der unteren Bildmitte ist gut zu erkennen. Der Wassergraben vor der Stadtmauer wurde vom Colorateur vom Grimmaischen Tor bis zur Moritzbastei grün gefärbt. Ob das dem Zustand des Grabens entsprach, der eine furchtbare Kloake gewesen sein soll, sei dahin gestellt. Auf der Südwestseite bis zur Pleißenburg fehlt der Wassergraben hier ganz.

Zufälligerweise stieß ich an anderer Stelle auf eine Ansicht der Ranstädter Bastei, dem Pendant zur Moritzbastei an der nordwestlichen Stadtmauer. Dort ist der Wassergraben sehr gut zu sehen, er sieht auch noch recht frisch aus:Ranstädter Bastei KomödienhausWährend auf die Moritzbastei ja im 18. Jahrhundert die 1. Bürgerschule Leipzigs gebaut wurde, errichtete man auf den Fundamenten der Ranstädter Bastei das Komödienhaus, wie es auf dem Bild zu sehen ist. Dieser Bau wurde bis in die 1930er Jahre erweitert und nach dem Bau des Neuen Theaters am Augustusplatz als „Altes Theater“ weitergeführt. Brechts „Baal“ erlebte hier 1923 seine skandalumwitterte Uraufführung.

Ein noch älteres Bild gibt es von der vierten Leipziger Bastei, die der damaligen Pleißenburg vorgelagert war.Pleißenburg_1642Wenn man der historischen Darstellung des Angriffes der Schweden im Dreißigjährigen Krieg trauen darf, sieht man an der zerstörten Bastion sehr schön, dass die Basteien zwischen den Außenmauern mit Erde verfüllt waren. Unser Partygewölbe, der Oberkeller, entstand ja tatsächlich erst in den 1970er Jahren bei den Ausgrabungsarbeiten der Studenten.

Aber zurück zum Anfang. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts sah es an der Moritzbastei noch so aus: BS018Im 19. Jahrhundert wurden die Reste des Stadtgrabens inklusive der letzten Wasserlachen verfüllt und zu Parkanlagen umgestaltet, die Ringstraße wurde angelegt. Lothar Birk erzählte mir bei der anfangs erwähnten Geburtstagsfeier, dass dieser Wölbgraben noch heute zur Entwässerung genutzt wird, unter anderem für die Moritzbastei. Die Stadtwerke würden ihn auch regelmäßig sanieren und säubern, erzählte mir daraufhin unser Haustechniker.

Falls also mal wieder jemand nach den berühmt-berüchtigten Geheimgängen fragt, die angeblich einst vom Rathaus zur Moritzbastei geführt haben sollen, werde ich auf diese alte Kanalisation hinweisen.

PS: Beim Stöbern zu diesem Artikel bin ich noch auf dieses Video gestoßen, das einen Rundgang um die Pleißenburg im Jahr 1892 visualisieren soll. Besonderen Eindruck hat die Musik bei mir hinterlassen.

/ Autor: torstenreitler

Durstiger Enddreißiger mit Flügeln

0607-Jochen_WisotzkiDas ist Jochen Wisotzki. Er ist kein Enddreißiger, ob er gerade Durst hat, weiß ich nicht.

Aber seinem „Baby“, der Lesereihe  „Der Durstige Pegasus“, hat er vor 39 Jahren – also 1976 – ans Licht der Welt verholfen. Das fiel damals nur spärlich in die Moritzbastei ein. Die wurde nämlich noch ausgegraben. Die erste Pegasus-Lesung dürft ihr euch also in etwa so vorstellen, unter bröckelndem Putz auf Klappstühlen unter Bauscheinwerfern:

tonne1970erJochen Wisotzki ist heute Abend zu Gast bei Elia van Scirouvsky, der den „Durstigen Pegasus“ aktuell im Wechsel mit Norbert Marohn moderiert. Da wird sicher viel über die Pegasus-Geschichte zu hören sein, aber vielleicht auch ein wenig über den Film „Flüstern & Schreien“ zu erfahren sein. Dafür hat Jochen nämlich das Drehbuch geschrieben und Interviews geführt.

Im nächsten Jahr wird das durstige Flugpferd also 40 Jahre alt. Ich freue mich schon mal vor auf die Party. Die Geburtsurkunde sah übrigens wie folgt aus.

[mygal=wisotzki]

Der Durstige Pegasus, 6. Juli, 20 Uhr, Eintritt frei.
Mit: Jochen Wisotzki, Didi Voigt und Luise Boege:
Moderation: Elia van Scirouvsky

 

/ Autor: torstenreitler

Die Nacht, als die D-Mark kam

Was für griechische Ohren heute wie eine Drohung klingen mag, galt vor 25 Jahre hierzulande als die Verheißung blühender Landschaften. „Kommt die D-Mark, bleiben wir! Kommt sie nicht, gehn wir zu ihr!“ So krakeelte es auf den letzten verbliebenen Montagsdemos. Der Beitrag, den MDR-Reporter Jens Hölzig in der Moritzbastei gedreht hat, erinnert an die Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli 1990, als bis Mitternacht in Mark der DDR gezahlt wurde und ab 0 Uhr in D-Mark. Jens hat damals hinterm Tresen im Oberkeller gestanden und literweise Pfeffi ausgeschenkt. Was sonst noch passierte, schaut ihr euch am besten selber an.

DMarkMDR

 

Zum Thema D-Mark und wie die Geschichte weiter ging sendet der MDR ab heute Nacht einen weitaus spannenderen Dreiteiler. Die Titelfrage „Wem gehört der Osten?“, die sich der Privatisierung und der ökonomischen Neuordnung nach dem Ende der DDR widmet, kann man heute gerne noch allgemeiner fassen: Was ist Gemeingut und sollte es bleiben? Sind Trinkwasser, Ackerland, Stadtviertel am Ende nichts als Renditeobjekte für Großanleger? In Griechenland und auf den Gipfeltreffen der Granden von EU, EZW und IWF wird diese Frage in diesen Tagen beantwortet. Vorläufig.