/ Autor: torstenreitler

Platz für etwas Besseres

Am 19. Januar wurden Leipzigs Bands des Jahres gewürdigt. In dieser Form wird es die Veranstaltung in Zukunft nicht mehr geben. Der folgende Beitrag beantwortet die Frage nach dem „Warum?“ und verbindet den Blick in die Zukunft mit einer Einladung.

Zwei Stunden, bevor am Freitag die Gala für Leipzigs Bands des Jahres im WERK2 beginnen sollte, erreichte mich folgende Nachricht aus dem MB-Ticketbüro per SMS:

„Es wurden noch zwei Tickets für heute Abend verkauft, falls ihr die noch nicht vermerkt habt“

Eine nebensächliche SMS – wären es nicht die ersten beiden Tickets überhaupt gewesen, die im Moritzbastei-Vorverkauf über den Tresen gegangen sind. Im Vorverkauf des Werk2 sah es etwas erfreulicher aus, aber auch hier waren nur knapp drei Dutzend Karten vorverkauft.

Für Leipzigs Bands des Jahres. Für den Abend, der für die hiesige Szene die Nacht der Nächte sein sollte. Wo sich Musiker, Booker, Clubbetreiber, Journalisten, Freunde und Fans der Bands „Gute Nacht“ sagen. Mit einem Drink in der Hand, einem Lächeln im Gesicht und mit der Sicherheit, dass das hier unsere Zeit und unser Platz ist.

In der Umbaupause zwischen special guests Tuggy und Preisträger Atlas Bird war es dann gesagt: Der Grosse Preis in dieser Form ist am Ende seiner Möglichkeiten. Das war’s – in dieser Form.

Woran es lag? Wir haben es nicht geschafft, das Prinzip „Award“ in die Köpfe zu kriegen. Selbst die Preisträger konnten mit dem Umstand, dass sie „Band des Jahres“ sein sollten, wenig anfangen. Trettmann ließ mitteilen, dass er vom Preis zurücktrete zugunsten von Künstlern, die es nötiger hätten. White Wine posteten keinen einzigen Hinweis, dass sie am Freitag im Werk auftreten, dafür am Donnerstag dieses Statement auf facebook:

Das sehr offene und klärende Gespräch mit White-Wine-Frontmann Joe Haege backstage schaffte es immerhin, mich zu entfrusten und ein für alle mal klarzustellen: „This is not a band contest!“

Das gleiche Bild bei den Juroren und dem Publikum – von 160 angeschriebenen Machern und Kennern der Leipziger Musikszene haben immerhin? nur? 50 aktiv mit abgestimmt. Zur Preisübergabe kamen ca. 15 der Juroren.  Und knapp 120 verkaufte Tickets beantworten die Frage, ob wir unser Publikum erreicht haben.

Klarer Fall – wenn weder Bands noch Publikum den Grossen Preis in dieser Form mittragen, dann ist er obsolet.

Die Reaktionen auf das „Isch over“ reichten dann von Verständnis bis Verärgerung. Aber es kamen auch schnell Ideen, Vorschläge. Sätze, die mit „Lass uns mal…“ begannen. Joe Haege erinnerte in einer Ansage daran, welches Glück wir haben, uns bei so einem Konzert zu begegnen: „It’s a dark world out there“. Und Moderator Christian Feist, selbst Veranstalter im Ilses Erika, wies darauf hin, dass ein Konzert nur dann schlecht sei, wenn es nicht stattfände (ok, hier bestätigen viele Ausnahmen die Regel, zwinkerzwinker).

Wie geht es jetzt weiter? Zuerst schlafen wir ein paar Mal. Dann setzen wir uns zusammen und stellen uns ein paar Fragen: Sind MB und das Werk2 möglicherweise nicht die Institutionen, um einen solchen Preis glaubwürdig zu verleihen? Gibt es in Leipzig genügend Qualität, um so einen Award auszuloben – kommt es darauf überhaupt an? Wer sollte mit an Bord kommen? Braucht es einen neuen Namen, andere Orte und Termine?

Bis Ende Juni wollen wir diese Fragen für uns beantworten. Dann werden wir uns tief in die Augen schauen und entweder neu durchstarten. Oder uns bei allen bedanken, die seit 1991 die Bands des Jahres für diese Stadt gesucht, gefunden und auf die Bühne gebracht haben. Und ein aufregendes Kapitel Musikgeschichte Leipzigs beenden.

Wir werden auf die Akteure der Leipziger Musikszene zugehen und sie einladen, mit uns darüber nachzudenken, ob und in welcher Form ein solcher Preis Musiker, Bands und Veranstalter voranbringen kann. Wer nicht so lange warten möchte, der kann sich melden und seine Ideen mit uns teilen.

Denn wie sang Schorsch Kamerun mit seiner vergessenen Band Motion einst so treffend:

„Es ist ein rasendes Gefühl, wenn alles, woran man glaubt, zerbricht. Doch was das hinterlässt, ist Platz.
Platz für etwas Besseres.“

In diesem Sinne!

Die Fotos des Abends von Klaus Nauber gibt es noch, und ein hörenswerter Radiobeitrag von Lars Tuncay auf MDR Sachsen.

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