/ Autor: torstenreitler

Was erleben? Nichts verpassen!

Vorausbemerkung: Der Artikel ist versehentlich* unter dem Titel „Romy aus der LVZ und die Musiknutzung“ am 30.4. 2015 hier erschienen.

Leipzig ist seit gut einem Jahr nicht mehr Hypezig. Die Hoffnung auf eine Renaissance der Stadt nach deprimierenden zwanzig Jahren Nachwendezeit hat sich erfüllt. Blühende Kulturlandschaften, wohin das Auge blickt. Die Wiedergeburt hat nun eine neu Hoffnung geboren. Nämlich die, daraus Kapital zu schlagen. Wegen dieses Phänomens hat unsere Gesellschaft ihren Namen, also wozu darüber Worte verlieren?

Vor knapp zwei Jahren hatten ich hier in einem Beitrag gemutmaßt dass „die Entwicklung in Richtung Kultur als Tummelplatz für Investoren und Unternehmensgründer … auf jeden Fall weiter gehen (wird)“. Damals kündigten das Täubchenthal und das IFZ nahezu gleichzeitig ihre Eröffnung an. Mittlerweile haben sich die beiden Häuser nicht nur mehr (Täubchenthal) oder minder, aber immerhin (IFZ), etabliert. Die Gründungswelle unter den 2013 benannten Vorzeichen hat sich fortgesetzt, prominenteste Beispiele sind das Elsterartig und der wiedereröffnete Felsenkeller. Dazu kommen unzählige Events der so genannten „Kreativwirtschaft“ – seien es Modedesignmärkte im Kohlrabizirkus (präsentiert von DaWanda) oder Streetfood-Wochenenden, organisiert von „KoblenzTV Medien & Event UG, supported by MP Consult & Fuchs Konzeptfabrik“.

Die Entwicklungen in der Popkulturlandschaft ist aber nur ein Zeichen dafür, wie sich unsere Gesellschaft und die Rolle der Kultur in ihr im neoliberalen Zeitalter gewandelt hat. Die Leipziger Stadtgesellschaft zum Beispiel transformierte sich seit 1990 von einer – an ökonomischen Maßstäben gemessen – Mangelgesellschaft in eine Überflussgesellschaft, in den letzten fünf „Hypezig-Jahren“ mit zunehmender Geschwindigkeit. Hatten Kunst und Kultur in Leipzig bis 1989 wahlweise eine repräsentative oder eine diskursive Funktion, wird sie heute vor allem als Zugpferd für Tourismus, Standortmarketing und Studentenakquise wahrgenommen. Oder als Wegbereiter der Quartiersaufwertung, zur Freude der Immobilienwirtschaft.

Vom Mangel zum Überfluss – das bedeutet zum einen eine zunehmende Dichte an Veranstaltungsorten und Veranstaltungen. Diese Entwicklung verändert aber auch die Wahrnehmung und Wertschätzung. Die Kulturindustrie unterscheidet sich nur im Produkt, nicht aber in der Funktionsweise von anderen Wirtschaftszweigen. In einem gesättigten Markt behauptet man sich entweder in der Nische mit special-interest-Angeboten, Premiumprodukten oder durch Billig- bzw. Massenware. Wer möchte, kann sich die Mühe machen, die Leipziger Kulturlandschaft danach zu sortieren.

Das Karli-Beben Mitte April hat gezeigt, wie man es im Eventzeitalter alles richtig und aus einer Baustelle ein Bierzelt macht. Romy aus der LVZ bringt es auf den Punkt:  „Es ist toll, dass man so viele Bands hören kann und keinen Eintritt bezahlen muss.“ Schön, dass Romy gleich im nächsten Satz über die Gentrifizierung der Straßenkultur sinniert und ihrer enttäuschten Service-Erwartung Luft macht: „Allerdings sind es fast schon zu viele Leute hier. Wir haben ewig gebraucht, um etwas zu essen zu bekommen“, erzählte die 25-Jährige. (LVZ vom 20.4., S. 16)

Das sind Luxusprobleme!, mögen jetzt Lukas und Leonie aus der strukturschwachen Region in der ostdeutschen Peripherie einwerfen. Recht haben sie! Leipzigs Kulturlandschaft ist besser als Dorfdisko und Nazirock im Gemeindezentrum, sogar besser als Jugendfreizeit in Südwestdeutschland (wegen der überfüllten Hörsäle wollen die tausenden Studienplatzbewerber schließlich nicht in Leipzig studieren). Wobei man in Gegenden, in denen man lieber nicht tot über den Zaun hängen möchte, vielleicht sogar noch trefflicher über die ideele Funktion von Kunst und Kultur reden kann als in Leipzig culture wonderland. Geht es da um Sinnstiftung? Oder doch um auf Nutzerprofile abgestimmte Freizeitangebote?

Gewöhnung kann genauso zerstörerisch wirken wie Sehnsucht. Das ist eine relevante Einsicht, wenn man einen Laden wie die Moritzbastei am Laufen halten möchte. Jeden Mittwoch und Samstag „All you can dance“, in der selben Location, ohne erlebisorientiertem Zusatznutzen? Dann doch lieber in den One-Night-Schuppen nach Plagw,- Reudn- oder Connewitz. Denn da kann man nichts erleben, da kann man etwas verpassen! Die MB steht nächste Woche auch noch.

Was sich für uns daraus ergibt? Vor allen Dingen: Fragen. Und weil für gute Antwort die Voraussetzung immer die richtigen Fragen sind, haben wir uns auf die Suche danach gemacht. Wie wir das tun und was wir uns davon versprechen, erzählen wir demnächst an dieser Stelle.

* der Artikel war zum Veröffentlichen freigeschaltet worden, obwohl noch ein Entwurf war

 

 

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