/ Autor: torstenreitler

Das müssen wir schön selber tun

Die Zukunft ist auch nicht mehr, was sie einmal war.

Das war das Motto der zweitägigen Konferenz in Amsterdam, die sich mit Chancen und Risiken von Kulturprojekten im Europa von heute beschäftigte. Von der Moritzbastei waren gleich vier Kollegen vor Ort, denn erstens versprachen die angebotenen Workshops viel und zweitens waren wir als Mitglieder von Trans Europe Halles quasi Mitveranstalter.

Es ist immer wieder eine tolle Inspiration, sich an einem Ort und so intensiv mit Menschen aus so vielen Ländern austauschen zu können über ihre Erfahrungen mit Kunst und Kultur, zwischen den Wirrnissen von Bürokratie und Politik. Trotz der so unterschiedlichen Bedingungen in Sachen Finanzierung, Politik und Bürokratie einigt doch fast alle ein außerordentlicher Enthusiasmus und die Neugier auf die Welt hinter dem eigenen Tellerrand. Die fünf Tage, die ich in Amsterdam verbracht habe, waren so angefüllt, dass ich stundenlang hier schreiben könnte. Da ihr aber nicht so viel Zeit haben dürftet, gebe ich meine Eindrücke mal stenografisch wieder.

Keine Zukunft ohne Internet. Das kolportiert seit einigen Jahren,  Winston Churchill habe auf die Frage, warum er in Kriegszeiten nicht die Kuntsförderung einstellen und die Mittel für Kriegszwecke verwenden würde, wie folgt geantwortet: „Then what are we fighting for?“
So schön die Antwort ist, so wenig hat Churchill sie jemals gegeben. Die beste Bemerkung dazu kam übrigens von Moukhtar Kocache während seines Abschlussvortrages: „When culture has to quote Churchill we are in deep shit“.

Die Erkenntnis ist nicht neu, aber es schadet nicht, sie sich immer wieder vor Augen zu halten. Staatsmännische Hilfe wird uns die Zukunft nicht auf einem Silbertablett servieren. Das müssen wir schön selber tun.

Elf thematisch verschiedene Workshops wurden angeboten, wir haben drei davon besucht und uns über „creative business models“, „campaigning for your life“ sowie „the resurrection of the local“ schlauer gemacht. Konkrete Beispiele wie  Movember, die WORM-Initiative in Rotterdam oder die Kunsthalle Zilina (Slowakei) gaben Inspiration und Erfahrungen vom Aufbau und / oder Scheitern von kreativen Projekten.

Etwas enttäuschend und vor allen Dingen für die abendliche Uhrzeit zu lang waren die Eröffnungsreden von Rob Riemen und Craig Shuftan. Enttäuschend, weil sie zwar eine ganz ordentliche Zustandsbeschreibung der Kultur Westeuropas lieferten, Inspirationen für die Zukunft aber vermissen ließen. Shuftan  hatte wenigstens eine schöne David-Lee-Roth-Anekdote im Gepäck.

Ein Highlight waren auf jeden Fall die morgendlichen Warm-ups für die Workshops. Mit dem Schlachtruf „Enough of that Yoga-shit!“ putschten Annemarie und Sherif vom Melkweg die Kreisläufe der Teilnehmer hoch. Die zugehörigen Übungen wurden mit einem 80er-Jahre-Aerobic-Video der Chippendales visuell untermalt, die das perfekte Stretching für einen Porno-Dreh präsentierten.

Ein Rahmenprogramm gab es auch, Metronomy und Shapeshifter waren sehenswert. Im Melkweg war am Freitag auch der holländische Vorausscheid zum Eurovision Song Contest. Parallelwelt.

Die beiden neuen Mitglieder im Trans-Europe-Halles-Netzwerk könnten unterschiedlicher nicht sein, zumindest was die Bedingungen angeht, unter denen sie existieren. Vyrsodepseio muss in Athen mit und um das Allernötigste kämpfen. Den Halle 14 e.V. aus Leipzig kennt ihr, möchte ich schwer hoffen!

Was noch? Das Programm Engine Room Europe (ERE) ist nach drei Jahren zu Ende gegangen. Für uns und das gesamte TEH-Netzwerk war es das erste europäische Projekt dieser Größenordnung, die Auswertung wird sich noch eine Weile hinziehen. Dass es mit 19 verwirklichten Projekten zwischen 12 teilnehmenden europäischen Kultureinrichtungen ein Erfolg war, steht außer Frage.

Am ersten Tag der Konferenz wurde auch eine Ausstellung über den wachsenden Einfluss von Populismus in Europa eröffnet. In wenigen Wochen sind Europawahlen, wahrscheinlich werden die Europagegner ihre Anhängerschaft viel stärker mobilisieren können als diejenigen, die Europa längst als (oft anstrengende) Selbstverständlichkeit und nicht mehr wegzudenkenden Zivilisationsfortschritt begreifen. Darum, wenn euch etwas daran liegt und ihr keinen Bock auf Rechtspopulisten an europäischen Schaltstellen habt, zum Abschluss etwas Werbung: Geht wählen!