/ Autor: torstenreitler

Träume und Schäume

UZ1977

Wer es noch nicht mitbekommen hat – die Moritzbastei wird in diesem Jahr 40 Jahre alt! Besser gesagt, die Moritzbastei ist seit 40 Jahren eine Kultureinrichtung, als Festungsanlage gibt es sie ja schon ein, zwei Jahre länger.

Das wird uns nicht nur Anlass für einige schöne Feste sein, wir wollen auch hin und wieder mal in unser Archiv abtauchen und euch an dem, was wir da so zu Tage fördern, hier im Basteiblog teilhaben lassen. Beginnen möchten wir mit – na klar – dem Anfang. Da fiel mir doch letztens eine Ausgabe der Universitätszeitung in die Hände, konkret das Exemplar vom 11. Juli 1974. Das Exemplar fand es sich neben zahllosen Fotos aus vier Jahrzehnten in einem meiner Büroschränke, wo es mehr oder weniger in Frieden vergilbt und vor sich hin zerfällt (keine Sorge, die UZ ist im Universitätsarchiv archiviert, die Zeitung ist also sicher kein Einzelstück). Die Gelegenheit war aber doch zu günstig, um sie zu verstreichen zu lassen, zumal sich in der Ausgabe zwei größere Artikel finden, welche den Baufortschritt an der Moritzbastei thematisieren,welche zum damaligen Zeitpunkt seit knapp drei Monaten wieder dem Erdreich entrissen wurde.

Burkhard Damrau, erster Leiter des Klubs, rollte unter der Überschrift „Wie geht es weiter an der Moritzbastei?“ die Zukunftspläne der damals verantwortlichen aus. Gleich auf der folgenden Seite beschwor Werner Teichmann, damals Mitglied der FDJ-Kreisleitung und einer derer, die den entscheidenden Anstoß zum Wiederaufbau der MB gegeben hatten, die Erfolge beim Wiederaufbau und appelierte an die Studenten, sich stärker auf der Baustelle einzubringen: „Es bleibt viel Raum für Initiativen“.

UZ1974

Aus heutiger Sicht am interessantesten (und am amüsantesten) lesen sich die Vorstellungen, wie die Moritzbastei nach de Fertigstellung genutzt werden könnte. Da nach drei Monaten Ausgrabung und eher schleppendem Baufortschritt niemand eine genaue Vorstellung von den Ausmaßen der Gewölbeanlage hatte, waren diese Vorstellungen hauptsächlich auf den Bereich des heutigen Oberkellers begrenzt. Gastronomie und Kulturbetrieb waren im Jahr 1974 keineswegs im heutigen Sinne professionalisiert, geschweige denn gab es so etwas wie eine Szene-Gastronomie, deren Erfahrungen hätten einfließen können. Kultur war in der Hoch-DDR staatlich organisiert oder zumindest kontrolliert. Wenn also Burkhard Damrau schreibt, dass sich die Gäste in den einzelnen Tonnen ihr Bier an aufgestellten Bierfässern selbst zapfen sollen, scheinen da eine große Portion guter Glaube und ganz viel Blauäugigkeit auf. Auch die Pläne zum Veranstaltungsbetrieb hätten wohl keinem Praxistest standgehalten.

Aber was soll es, Träume sind Schäume. Der Traum von Burkhard Damrau und Werner Teichmann ist Realität geworden, wenn auch in ganz anderen Dimensionen. Wir können nicht stolz und froh genug sein, dass es damals Träumer wie die beiden gab, die es bei weitem nicht beim Träumen beließen, sondern beherzt Fakten schufen. Bleibt also dran, wir haben noch einige überraschende Anekdoten, Enthüllungen und versunkene Projekte im Archiv, von denen wir euch in diesem Jahr berichten wollen. Bis dahin!

1 Kommentar

  1. Katja Bier

    Hallo zusammen, ich bin Absolventin der KM Uni Leipzi und die MB ist natürlich ein Begriff für mich. Das ist nun schon über 30 Jahre her, Abschlußjahr 1985, Sektion TV. In Zwei Wochen haben wir ein Seminargruppen treffen in Leipzig.
    Es gab zu meiner Zeit die Tradition, das jeweils das 3. Studienjahr den Bauernball in der MB ausgerichtet hat. Was für ein Riesenspektakel. Dazu nun meine Geschichte.

    Ich war im Org.Komitee, mit zuständig für die berühmte Tombola. Hier gab alles, was damals eben möglich war, Preise vom Wachtelei bis Bullenkalb. Gespendet von Praktikumsbetrieben. Der Lohn unserer Arbeit, einmal in den Lostopf greifen, bevor die Nieten zugemischt wurden. Und was haben wir denn da? Meine Freundin gewann einen Absetzter ( Ferkel bis zu 20kg). Nun wird es schwierig, dieses in Jena Lobeda, also Neubaugebiet mit Wohnblocks aufzuziehen. Mein Gedanke, irgendjemanden zu finden, der was anderes hat und tauschen. Und das gelang mir wirklich. Es erfolgte ein Tausch Schwein gegen Schaf. Und wo ist das? Manchmal bekam man einen Gutschein, um seinen Gewinn abzuholen. Unser Gewinn stand in einem winzigen Gehege im Innenhof der MB. Ein weibliches ca. 3 Monate altes Lamm. Wir in Abendgarderobe, lange Festkleider. Die Verabstaltung ging zu Ende, nach Mitternacht. Schaf muß mit. Ein Schaf allein, nachts vor dem Gewandhaus und schreit nach seinen Kumpels. Kurzentschlossen die Röcke gerafft, Schaf auf die Schulter, in die Straßenbahn. Bei einem Bekannten, den wir rausklingeln mußten blieb EMMA, so wurde es genannt, über Nacht im Keller, natürlich bei Gras und Wasser. Und ich ab zum Bahnhof, nach Hause.
    Vater sieht mich ungäubig an, denkt, ich spinne. Wir hatten damals einen Weinberg mit genug Wiese. Dank meiner Überzeugungskraft, ab in den Trabi, nach Leipzig, Schaf aus dem Keller geholt und zurück.
    Emma wohnte fortan auf unserem Weinberg, war im Herbst ein Lamm am Spieß und ab dem nächsten Jahr, gab es bis zur Wende regelmäßg neue Schafe. Emma hatte ein kurzes, aber gutes Leben und war der Beginn einer eigenen Schafhaltung.

    Das ist eine meiner liebsten Anekdoten aus dieser Zeit. Vielleicht gefällt sie Euch.

    Viele Grüße von Katja

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