/ Autor: torstenreitler

19. Türchen

19

Heute wieder ein Rätsel. Aber zur Abwechslung mal eines, bei dem es keine Gewinner geben kann.

Am 10. und 11. Januar werden die Leipziger Gastronomen sich wieder im Anker versammeln, um in die Klamotten berühmter Popstars zu schlüpfen, genial bis schräg deren Hits zu intonieren und mit Freunden gemeinsam das neue Jahr zu begrüßen.

Die Idee dazu hatte der unvergessene Paul Fröhlich, und seit 2007 hat sich das Neujahrssingen zum ersten Höhepunkt des Leipziger Kulturjahres entwickelt. In den Zeiten von Smartphone und Digicam war es natürlich klar, dass die Auftritte der Gastronomen heftig mitgefilmt wurden. Die qualitativ besten Filme wurden von einem Leipziger Konzertjunkie aufgenommen und auf seinem youtube-Kanal kronosprojekt hochgeladen. Sehr zur Freude der Mitwirkenden, Familien und Freunde. Viel größere Aufmerksamkeit erreichten die Videos nicht, die meisten hatten nicht einmal vierstellige Zugriffszahlen.

Gestern wollte ich noch einmal den letztjährigen Auftritt von George Michael für die Moritzbastei begutachten, aber was wurde mir mitgeteilt? Ihr ahnt es wahrscheinlich schon:

„Das mit diesem Video verbundene Konto wurde aufgrund mehrerer Meldungen Dritter über Urheberrechtsverletzungen gekündigt“

Jetzt die Rätselfragen:

1. Wer hat da im Grundschulalter zu wenig Dresche bezogen, weil er immer bei der verknöcherten Mathelehrerin gepetzt hat, wenn mal einer abgeschrieben hat?

2. Für die Veranstaltung wurden die Urheber via GEMA-Gebühren entschädigt. Youtube zahlt an die Urheber pro Klick, soweit ich es weiß. Wessen Urheberrechte wurden hier genau verletzt, bitte?

3. Die Songs, die beim Neujahrssingen vorgetragen werden, haben meist schon ein paar Jahre auf dem Buckel. Und sie waren meist Welthits. Man kann also davon ausgehen, dass fast alle, die sich das Video angesehen haben, für den Song schon mal in irgend einer Form Geld ausgegeben haben. Sei es beim Plattenkauf oder durch Rundfunkgebühren, die ja zum Teil dafür genutzt werden, den Künstlern Tantiemen für die Ausstrahlung ihrer Songs zu zahlen. Oder durch Konzertkarten. Oder oder oder.

4. Soll das jetzt bedeuten, dass mein youtube-Kanal gesperrt werden kann, weil Opa Günther auf Oma Hannelores 80. Geburtstag „Mit 66 Jahren“ von Udo Jürgens geträllert hat, ich das mit dem Handy aufgenommen  und für die Familie hochgeladen habe?

5. Wer oder was hat da eigentlich den Schuss nicht gehört?

Keine Frage, Künstler sollen für ihre Leistung entlohnt werden. In diesem Fall wird für mich aber eine Situation geschaffen, in der auf allen Seiten nur Frust entsteht. Und vor lauter Unverständnis lobe ich doch noch einen Preis aus:

Unter allen Einsendungen, die mir plausibel darlegen können, dass dieses Vorgehen einen Gewinner hervorgebracht hat, werde ich persönlich eine Eintrittskarte für einen der beiden Neujahrssingen-Abende im Anker K.A.U.F.E.N. Die zwölf Euro sind es mir wert.