/ Autor: torstenreitler

14. Türchen

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Heute gibt es ein Bild – und seine Geschichte.

Zuerst natürlich das Bild:

1996cambridge

Ziemlich unspektakulär, oder? Ein paar Leute im Freien, es scheint kalt zu sein. Könnte eine Bootstour sein. Die Geschichte jedenfalls geht so:

Vor langer, langer Zeit, im schönen Jahr 1983, fuhr ein gewisser Cor Schlösser vom Melkweg aus Amsterdam nach Brüssel. Dorthin hatte ihn der damalige Direktor der Halles des Schaerbeek eingeladen, Phillipe Grombert. Das Treffen der beiden gilt heute als Geburtsstunde des europäischen Kulturnetzwerkes Trans Europe Halles. Auf dem Foto sind die beiden übrigens zu sehen – Schlösser sitzt in der letzten Reihe links am Gang im schwarzen Mantel, zwei Reihen vor ihm Phillipe Grombeer (sein Gesicht wird durch die vor ihm sitzende Dame mit Brille verdeckt).

Das Netzwerk wuchs und hatte bis 1989 Kulturzentren aus ganz Europa als Mitglieder. Ganz Europa? Halt, da war doch noch was! So kam es denn, dass nach dem Zusammenbruch des Ostblocks zarte Bande in die damals gerade dem Sozialismus entglittenen Staaten geknüpft wurden. Der Zufall wollte, dass Frank Heinecke (auf dem Bild ganz vorn links) bei einem Theaterfestival auf Cor Schlösser traf. Heinecke, damals Programmchef der Moritzbastei und bis heute mitverantwortlich für unser jährliches Jazznachwuchsfestival, war schon immer reisefreudig und lud zum nächsten Trans-Europe-Halles-Treffen ganz ohne viel Federlesens eine Delegation der Moritzbastei ein. Gefangene wurden nicht gemacht, die Moritzbastei wurde 1994 das erste Kulturzentrum aus dem „Osten“, welches Trans Europe Halles beitrat.

Die Treffen der europäischen Kulturmacher sind das Kernstück des Netzwerkes. Zweimal im Jahr treffen sich Aktive und Künstler aus mittlerweile 30 Ländern in einem der 51 Mitgliedszentren. Ende November kamen wir zum 76. Mal zusammen, diesmal im La Friche Belle de Mai in Marseille. Unter anderem, um dort das 30jährige Bestehen des Netzwerks zu feiern! Mittlerweile hat sich die Zusammenarbeit im Netzwerk stark gewandelt. Vom losen Austausch kultureller und künstlerischer Projekte geht die Entwicklung hin zum Austausch professioneller Erfahrungen im Kulturbetrieb, zu Fortbildung und zum Experiment in Sachen Struktur, Nachhaltigkeit, Finanzierung und zum Beispiel Personalentwicklung. Der ganze fette Eisberg also, der unter der Wasseroberfläche schwimmt, während im Sonnen- bzw. Scheinwerferlicht das kleine Spitzlein der kulturellen Veranstaltungen und Kunstprojekte erstrahlt.

Das Bild jedenfalls entstand beim Netzwerktreffen in Cambridge 1996, wo die Junction hin eingeladen hatte. Die Delegierten der Klubs und Kulturzentren machen offensichtlich gerade eine Fahrt mit einem Doppelstockbus, das Wetter scheint gerade danach gewesen zu sein. ;-). Die Moritzbastei-Delegation bestand neben Frank Heinecke aus Peter Matzke, der neben ihm auf dem Bild ist und aus Rüdiger Pusch, der zwischen beiden in der zweiten Reihe zu erkennen ist. Peter Matzke, lange Jahre Booker der Moritzbastei, hat sich später einen Namen als Autor gemacht. Heute koordiniert er hauptberuflich  die Großveranstaltungen der Stadt Leipzig. Rüdiger Pusch, Geschäftsführer der Moritzbastei Betriebs GmbH von 1993 bis 2002, leitet heute umtriebig das Krystallpalast Variete und vermarktet die im Störmthaler See schwimmende Insel Vineta.