/ Autor: torstenreitler

Little Big Data

Alle schimpfen drüber, dass man im Netzt ja keine Geheimnisse mehr hat. Irgendwo in dunklen Hinterzimmern hochmodernen, lichtdurchfluteten Verwaltungsgebäuden sitzen zwielichtige Schlapphüte die Jahrgangsbesten der IT-Studiengänge und analysieren zu Top-Konditionen (15. Monatsgehalt, Dienstwagen, Puff in Barcelona, Teambuilding in Detmold) unser Verhalten im Internet.

Woher wir das wissen? Wir haben das von unseren Onlinedetektiven ermitteln lassen. Ok, Quatsch.

Kein Quatsch ist dagegen, dass wir natürlich – wenn wir wollen müssen – nachvollziehen können, wer was wie lange auf den Seiten der Moritzbastei treibt. Grundsätzlich interessiert uns euer Surfverhalten auf unseren Seiten nur quantitativ. Klar sind wir spitz wie Lumpi darauf zu wissen, wie oft unsere Seiten aufgerufen werden, welche Seiteninhalte euch am meisten reizen und wie lange ihr auf unseren Seiten bleibt und von welchen Seiten ihr auf unsere Angebote verwiesen werdet. Machen wir uns nichts vor, das ist Standard und wir weisen darauf hin.

Beinahe wöchentlich bekommen wir Angebote von Agenturen, die nichts lieber wollen, als uns Apps zu verkaufen, mit denen wir „zielgruppengenau“ Werbung oder Sonderangebote platzieren können. Also aufgrund der gelieferten Nutzerdaten zum Beispiel unsere Botschaften ausschließlich an Studentinnen aus Leipzig zu versenden, die jünger als dreißig sind und sich für Musik, Party, Alkohol und Lifestyle interessieren.

Wir machen das nicht. Noch nicht. Unsere Gäste finden uns auch so und kommen auch ohne virtuelles Reklamestalking zu uns. Noch.

Manchmal sehen wir allerdings keinen anderen Weg, als das vorliegende Wissen über euch – unsere Onlinebesucher – voll auszuschöpfen. Zum Beispiel dann, wenn beim Voting zum Grossen Preis plötzlich absurd hohe Stimmzuwächse zu verzeichnen sind. Beim genauen – sehr genauen! – Hinschauen auf die Nutzerdaten stellte sich heraus, dass ein übermotivierter Fan knapp 300 mal innerhalb von zwei Stunden für seine Lieblingsband abgestimmt hat. Danke, liebe Kontrollsoftware.

Big Data, das sind wir. Alle, die Statistiktools in ihre Webseiten und Blogs integrieren. Die auf facebook die mitgelieferten Auswertungen studieren. Geocacher, Routenplaner, Handyorter, Newsletterabonennten. Wir spielen auf beiden Seiten – als Datenlieferant und als Analyst. Sei es, wei es beim Shoppen, Wandern, Gamen hilft. Oder, weil es  Trickster entlarven kann. Das macht die Geheimdienstpraktiken nicht weniger undemokratisch, zeigt aber auch, in welchen Grauzonen wir leben. Was uns  Konsumenten als Service nicht weit genug gehen kann, ist uns Bürgern aufs Äußerste suspekt.

Falls ihr euch also wundert, warum die Zahlen bei Abstimmung von gestern zu heute nach unten korrigiert worden sind, so wißt ihr jetzt den Grund. Natürlich war uns schon im Vorfeld klar, dass derartige Abstimmungen immer reizvoll sind für Leute, die mit ihren IT-Skills mal so richtig einen auf dicke Hose machen wollen. Natürlich haben wir weder Lust noch Zeit, jede abgegebene Stimme auf Rechtmäßigkeit zu prüfen. Darum hoffen und appellieren wir an die Ehrlichkeit aller, die sich am Voting beteiligen: Vertraut auf die Kraft der Musik eurer Lieblingsband.

Auf dass wir wenigstens nur Little Big Data sein müssen.