/ Autor: luiset

„Das ist wie Henne und Ei“

ozille

LEST MEHR BÜCHER scheint es grad aus allen Ecken Leipzigs zu rufen. Denn in knapp zwei Wochen, vom 14.-17. März,  öffnen sich wieder die Tore der zweitgrößten Buchmesse Deutschlands. Im Vorfeld zum Großereignis findet in der Moritzbastei alljährlich die Lesereihe „Buchmesse schmeckt“ statt, in der Leipziger Prominente aus ihren Lieblingsbüchern vorlesen. Den Anfang machte am Montag Oliver Zille, Leiter der Leipziger Buchmesse, der uns danach in einem kurzen Interview Rede und Antwort stand.

Herr Zille, welche Highlights erwarten uns in diesem Jahr auf der Leipziger Buchmesse?

Zille (lacht):  Zuerst einmal der Preis der Leipziger Buchmesse, dann die Lange Leipziger Lesenacht in der Moritzbastei, in der viele junge, deutschsprachige AutorInnen bis 35 Jahre aus ihren Werken lesen und dann gibt es natürlich einzelne Namen, auf die wir gespannt sein dürfen: Martin Walser, den Amerikaner Dave Eckhard, den Ungar Peter Esterhazy oder Michail Gorbatschow, der seine Autobiografie vorstellen wird.

Was versprechen Sie sich selber von der Leipziger Buchmesse?

Von der Buchmesse verspreche ich mir in erster Linie für alle Verlage und Aussteller einen Schub am Markt, das sich eine breite Leserschaft für die Messe interessiert und neue Leser gefunden werden. Wenn diese Faktoren eintreten, hat die Buchmesse für uns funktioniert. Wir haben in diesem Jahr zusätzlich ein spezielles Programm: ein Tranzyt zwischen Polen, der Uklraine und Weißrussland, der Autoren aus diesen Ländern am deutschen Markt bekannter machen soll. Da erhoffe ich mir, dass diese eine breite Aufmerksamkeit finden.

Gibt es einen Autor, auf den Sie sich besonders freuen?

Ich freue mich sehr auf einen Autor, der besonders Jugendliche anspricht – den Amerikaner Joe Goebel – der kritisch-humorvolle Gesellschaftsromane schreibt und auf den ich über meine mittlerweile erwachsenen Kinder aufmerksam geworden bin.

Kurz nach der Wende stand die Leipziger Buchmesse vor dem Aus. Heute ist sie beliebter als je zu vor. Wie erklären sie sich diesen Wandel?

Da haben viele Faktoren ineinandergegriffen, das kann man in einem Satz nicht beantworten. Wichtiger Fakt war, das die deutschen Verlage ein unbedingtes Interesse gezeigt haben am Standort Leipzig, eine zweite Messe im Frühjahr zu etablieren und haben somit Solidarität gezeigt. Das hat viel mit einer langen Leipziger Verlagstradition zu tun. Denn Leipzig war nach dem zweiten Weltkrieg unangefochtene Buchstadt  der DDR.

Diesen Status der Buchstadt zu halten ist nicht einfach…

Ein wichtiger Faktor war der unbedingte Wille der Stadt Leipzig und des Freistaats Sachsen, die Buchmesse wieder neu zu etablieren und der Stadt eine neue Bedeutung als Kulturstadt zu geben.  Am Aufbau der Buchmesse nach 1990 haben viele Institutionen der Stadt am mitgewirkt.

Wie sehen Sie heute die  Entscheidung, die Buchmesse als Publikumsmesse zu etablieren?

In den letzten Jahren hat sich der Buchmarkt sehr gewandelt. Verlage müssen viel mehr Werbung machen, sich stärker am Publikum orientieren. Diese Öffnung des Marktes hat es uns ermöglicht, eine Publikumsmesse zu etablieren.

Überall spricht man von einer Flaute auf dem klassischen Buchmarkt. Sehen Sie in den steigenden Absatzzahlen von E-Books eine Gefährdung oder eher eine Chance für den Buchmarkt?

Für den Buchmarkt sehe ich keine Bedrohung durch das E- Book, denn es ist eher ein zusätzliches Geschäft.  Es entwickeln sich einfach neue Lesegewohnheiten, welche auch adäquat abzubilden sind, soll heißen, dass es Leser gibt, die neue Wege beschreiten und die genauso zu bedienen sind, wie die klassischen Leser. Der Anteil von E-Book Verkäufen lag im letzten Jahr bei 1%, in 5-6- Jahren sind wir vielleicht bei 15-16 % aber nicht bei 50%.

Das Ende des Mediums Buch ist also noch nicht in Sicht?

Das klassische Medium Buch wird noch sehr lange dominant bleiben und ich denke, dass es eher ein Nebeneinander geben wird. Zudem denke ich, dass Erwachsene, die prinzipiell nicht lesen auch keine langen elektronischen Texte lesen.

Hieran schließt sich gleich meine nächste Frage an. Laut Statistiken liest nur noch jeder Vierte in Deutschland. Welche Ratschläge haben Sie, damit besonders Kinder und Jugendliche Interesse für das Lesen entwickeln?

Hier hat die Gesellschaft eine große Verantwortung. Wie gesagt, lesen die Eltern nicht, lesen die Kinder nicht, das ist wie Henne und Ei, ein Zyklus, der nicht zu durchbrechen nicht. Bei frühkindlicher Bildung, also Kindergarten etc. müssen Kinder schon mit dem Medium Buch zusammengebracht werden. Ein Ansatz, der bereits erfolgreich von der Stiftung Lesen umgesetzt wird, ist die Vergabe eines Starterpakets für Neugeborene, in dem das Kind von Geburt an jedes Jahr  ein Paket mit Büchern bekommt, ein Baby Bilderbücher, ein Kindergartenkind Bücher mit wenig Worten usw.

Engagiert sich die Buchmesse auch für die jüngsten Leser?

Wichtig ist, dass Lesen Spaß macht. Darum gibt die Leipziger Messe seit vergangenem Jahr einen Lesekompass heraus, indem altersspezifisch Bücher aufgeführt sind, die Spaß am Lesen vermitteln sollen. Bei der Auswahl der Bücher haben Pädagogen, Kinder und Eltern mitgewirkt. Es geht auch darum Erlebnisse mit Büchern zu vermitteln. Darum laden wir auch Schulklassen auf die Messe ein.

Bücher stehen bei Kindern in harter Konkurrenz zu Fernsehen und Spielkonsole.

Es gibt ja durchaus  Streit in der Frage, ob Kinder durch elektronische oder gedruckte Bücher zum Lesen animiert werden. Ich persönlich denke, dass das gedruckte Buch die bessere Alternative darstellt, da es mehr Konzentration ermöglicht.

Zum Abschluss noch eine Frage an den Leser Oliver Zille: Welches Buch lesen Sie im Moment und warum?

Ich lese gerade von Orhan Pamuk „Mein Istanbul“, weil wir (die Messeleitung, Anm.d.Red.) uns in den nächsten Jahren stärker mit der Türkei und junger türkischer Literatur beschäftigen werden und ich aus diesem Grund mehr über Kultur, Land und Leute erfahren möchte. Das zweite Werk, welches ich gerade lese ist „Brüder und Schwestern“ von Birk Meinhardt, der auch für den Leipziger Buchpreis nominiert ist – ein großer Gesellschaftsroman.

Herr Zille, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

Bis zum 12. März gibt es in der Moritzbastei noch die literarische Mittagspause, die Übersicht über die Lesenden findet sich hier.
Und ein paar Bilder gibt es auch schon.

 

2 Kommentare

  1. Oliver Zille

    Liebe Luise Tzscheutschler,
    da ist in unserem Interview in der Eile vielleicht doch etwas untergegangen:
    Unser tranzyt-Programm beschäftigt sich mit Polen, der Ukraine und Weißrussland; die Idee mit den Starterpaketen für Neugeborene wird schon praktiziert und sie stammt von der Stiftung Lesen und Fatih Akins Filme mag ich zwar auch aber das Buch “Mein Istanbul“ ist von Orhan Pamuk.
    Beste Grüße und bis zur Messe
    Ihr
    Oliver Zille

  2. Luise Tzscheutschler

    Sehr geehrter Herr Zille,

    Danke für die Richtigstellung einer Fakten. Diese wurden natürlich sofort im Interview geändert.

    Beste Grüße
    Luise Tzscheutschler

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