/ Autor: torstenreitler

Der Mob ist los

Wir haben heute abend die Ehre, einen „Jogginghosenflashmob“ zu beherbergen. Aufgerufen hat dazu das U.W.E. DJ-Team mit folgendem Text (Rechtschreibung wie im Original):

„In der Moritzbastei werden seit neuestem Gäste mit Jogginghosen des Eintritts verwiesen. Gründe wurden nicht genannt, nur: „Anweisung von oben, keine Disskusion“. Um diese oberflächliche, diskriminierende Einlasspolitik öffentlich zu kritisieren rufen wir zum Jogginghoseninvasion bei der kommenden Erstsemesterparty am Mi 10.10. auf. Zieht euch bequeme Sachen an in den ihr euch wohlfühlt und am liebsten feiert! Es geht hier nicht um die MB, vielmehr grundsätzlich um Aufrechterhaltung von Individualität in allen Lebensituationen. Gegen Uniformierung und künstlich aufgezwängte Bürgerlicher Erscheinungsstatuten!

Bleib was du fühlst!

For a better life: U.W.E.“

Ausgelöst wurde dieser Furor von einem Eregnis, welches sich aus Sicht des an der Tür stehenden Mitarbeiters unserer Security folgendermaßen abspielte: Junger Mann möchte in ziemlich abgewrackter Klamotte, die schwer danach aussieht, als hätte deren Träger ein paar Stunden lang Altbauten abgerissen, zu All You Can Dance. An der Tür wird er gebeten, sich zuerst zu säubern und umzuziehen, bevor er unsere Party besucht. Dafür hat der junge Mann kein Verständnis und bringt das auf eine Art und Weise zum Vortrag, die nicht dazu angetan ist, sich Freunde zu machen. Worauf unser Mitarbeiter dem jungen Mann empfiehlt, heute abend besser woanders tanzen zu gehen.
Aus unserer Sicht gibt es daran nichts zu beanstanden. Wir entscheiden, wen wir zu uns einlassen. Abgewracktes Erscheinungsbild und Unhöflichkeit sind zwei der wenigen Gründe, die dazu führen können, dass jemand an unserer Tür abgewiesen wird.

Bleibt der Satz: „Anweisung von oben, keine Diskussion“. Diese Anweisung gibt es nicht. Jogginghosen sind hässlich, aber kein Grund, nicht in die MB eingelassen zu werden. Dass unser Mitarbeiter sich zu dieser Antwort hat hinreißen lassen, war falsch. Es mag daran gelegen haben, dass er sich erhoffte, damit die wohl sehr unerfreuliche Gesprächsführung des Gastes wirkungsvoll zu beenden. Wir haben ihn darauf hingewiesen, dass er sich in diesem Punkt nicht korrekt verhalten hat. Ausschließlich in diesem. Punkt.

Ansonsten nehmen wir die Sache mit Humor. In unserem Team hat das Zitat „In bequemen Sachen in die MB gehen“ bereits das Sprichwort „Eulen nach Athen tragen“ aus dem aktiven Sprachgebrauch verdrängt. Darum gehen wir auf die politische Unterbelichtung des Aufrufes, die Infantilität der Reaktion und den fragwürdigen Individualitätsbegriff nicht weiter ein. Sonst müssten wir uns tatsächlich noch aufregen.

Feiert schön, ob in Jogginghose oder Elefantenslip. Und bitte, bitte, bitte empört euch das nächste Mal über irgend etwas relevantes.

PS: Warum wir uns erst heute dazu äußern? Darum bzw. darum.

12 Kommentare

  1. der Abgewiesene

    Die Hose war pico-bello sauber, sowie die Jacke und das T-shirt! Kein Loch oder ähnliche Mängel die allgemein eine abgewrackte Bezeichnung verdienen würden! Mir wurde direkt gesagt mit Jogginghose gehts nicht rein…
    Trotzdem schön das ihr endlich Stellung bezogen und euch mit dem Thema auseinander gesetzt habt, auch wenn einige Tatsachen verdreht sind…

  2. Karl Lagerfeld

    „Abgewracktes Erscheinungsbild sind [..] Gründe, die dazu führen können, dass jemand an unserer Tür abgewiesen wird.“

    Moritz Bastei goes P1? Find‘ ich gut!

  3. Lieber Abgewiesener, Deine Geschichte gegen unsere. Nichts für ungut, heute abend hast Du Deine Chance. Mit Jogginghose in die MB!

  4. Eierlikör Jochen

    „Junger Mann möchte in ziemlich abgewrackter Klamotte, die schwer danach aussieht, als hätte deren Träger ein paar Stunden lang Altbauten abgerissen, zu All You Can Dance. An der Tür wird er gebeten, sich zuerst zu säubern und umzuziehen, bevor er unsere Party besucht. Dafür hat der junge Mann kein Verständnis und bringt das auf eine Art und Weise zum Vortrag, die nicht dazu angetan ist, sich Freunde zu machen.“

    Absolute Frechheit! Aber irgendwie muss man sich ja auch aus der Affäre ziehen..

    ..und natürlich ist das relevant, siehe Antidiskriminierungsdebatte in Leipzig. Ihr könnt froh sein das wir uns nur ein Spass draus machen.
    …und das nur halböffentlich..

    nichts für ungut..

  5. Lieber Eierlikör-Jochen, schön, dass Du die Antidiskriminierungsdebatte im Zusammenhang mit Jogginghosen ansprichst. Man kann sich wirklich nur noch wundern. Ich hoffe, Du bist nicht nur online „Klamottennazis“ wie uns gegenüber so eierlikörmutig, sondern trittst auch echter Diskriminierung im realen Leben so entgegen. Das verstehen wir unter Relevanz, Jochen.
    Wir ziehen uns übrigens nicht aus der Affäre, nur weil wir unsere Sicht der Dinge darlegen. Ich hoffe, ihr hattet euren Spaß gestern abend und wir können diesen Quatsch zu den Akten legen.

  6. Marianne R.

    Ich muss mich über diese Zeilen echauffieren:

    „Darum gehen wir auf die politische Unterbelichtung des Aufrufes, die Infantilität der Reaktion und den fragwürdigen Individualitätsbegriff nicht weiter ein. Sonst müssten wir uns tatsächlich noch aufregen.“

    Politische Unterbelichtung? Ich würde es die Fähigkeit zur Abstraktion nennen. Wenn die Diskriminierung schon bei Jogginghosen anfängt, wo geht sie dann weiter?
    Ich persönlich würde mich echt angegriffen fühlen, wenn mir jemand sagen würde: Geh erstmal nach Hause und zieh Dir was „Ordentliches“ (!) an. Das ist wie: Tut mir leid, Du bist leider nicht so schön geschminkt. (auch schon erlebt!!!! [nein, nicht in der MB!])
    Ich verstehe die Reaktion nicht als kindisch, sondern als angemessenen Hinweis auf bei Euch scheinbar vorherrschende, unreflektierte Werte und daraus resultierende politische Entscheidungen, die vielleicht mal besprochen werden sollten: Wo fängt Diskriminierung an?
    Was an diesem Individualitätsbegriff „fragwürdig“ sein soll, erklärt sich mir hier leider nicht. Vielleicht gibt es ja darauf noch eine Antwort von Euch.

    Nun, die Sache regt Euch wohl doch ganz schön auf – ich spüre schon beim Lesen die Entrüstung Torsten Reitlers. Aber das ist ja gut so – fördert den Austausch..

    Ich habe auch nicht verstanden, warum Ihr bei der Aktion mitgemacht habt, wenn Ihr sie eigentlich blöd findet? Stay true!

  7. Wrack

    nur weil jmnd abgewrackt aussieht darf er nicht rein?
    find ich persönlich bedenklich…aber hey, mb.

  8. P. A.

    Ich finde es äußerst erstaunlich, wie kreativ der Diskriminierungsbegriff ausgeweitet wird, um sich über etwas zu empören, was im privaten Bereich eine vollkommen normale Entscheidung ist. Jedem steht es frei in seine Wohnung zu lassen, wen er will. Jeder, der etwas zu verkaufen hat, kann frei entscheiden, an wen er das tut. Genau das wird den Clubbetreibern verwehrt. Warum eigentlich? Mit welchem Recht möchten Zwangsempörte und Berufsopfer anderen vorschreiben, wen sie in ihre ‚gute Stube‘ lassen und wem sie Getränke etc. verkaufen.
    Saubere und angemessene Kleidung drückt den Respekt gegenüber den Gästen und nicht zuletzt auch den Angestellten der MB aus. Und ich finde es gut, dass die Angestellten keine Leute bedienen müssen, die es nicht für nötig halten, sich angemessen zu kleiden. Insofern finde ich das Verhalten der TurnhosenträgerInnen und UnterstützerInnen bedenklich. Herr Reitler hat vollkommen Recht: sich hier als Opfer von Diskriminierung zu gerieren ist vollkommen realitätsfern.

  9. Nur nochmal zur Erinnerung: Es gibt kein Jogginghosenverbot in der Moritzbastei. Das und die Hintergründe des auslösenden Ereignisses stehen im Blogbeitrag. Ansonsten: Bleibt bitte sachlich.

  10. Name (erforderlich)

    Beim Blick auf die Klientel der MB frage ich mich ganz ehrlich, wie man es schaffen kann dort NICHT eingelassen zu werden…

    Ich habs auch schon geschafft mit Bad-Taste-Outfits in Clubs ohne Bad-Taste-Party zu kommen (spontan bei der Location umentschieden).
    Ich glaube, beim Abgewiesenen wird es sich schon um einen pöbelnden oder stark alkoholisierten Dreckspatzen gehandelt haben.

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