/ Autor: torstenreitler

Grenzüberschreitung in der Ostslowakei

Košice ist die zweitgrößte Stadt der Slowakischen Republik, war über Jahrhunderte eine der wichtigsten Städte im Universum Österreich-Ungarns. Heute haben hier die Bischöfe dreier Religionsgemeinschaften ihre Sitze, die Einwohner hängen elf verschiedenen Religionsgemeinschaften an. Die Stadt gehörte in den vergangenen 100 Jahren zu fünf Staaten, ist heute geprägt von Stahlindustrie und Trabantenstädten. Im nächsten Jahr wird sie gemeinsam mit Marseille Kulturhauptstadt Europas sein, und vergangenes Wochenende war das Kulturnetzwerk Trans Europe Halles, in welchem wir Mitglied sind, in Košice zu Gast. Thema des Treffens: Overcoming Borders.

Es hat schon einen eigenen Reiz, Košice im Wissen zu besuchen, dass sich dieses (mit Verlaub) offensichtliche Provinznest im kommenden Jahr Kulturhauptstadt Europas nennen darf. Leipzig trägt sich ja mit dem Gedanken, diesen Titel für das Jahr 2012 2020 zu beantragen. Auf den ersten Blick scheint es dabei weit mehr Anlässe zu geben, Leipzig zur Kulturhauptstadt zu adeln, als das verschlafene Košice. Auf den zweiten Blick jedoch wird deutlich, wie sehr viel mehr Košice trotz seiner Randlage im Zentrum europäischer Prozesse liegt. Die Schengen-Grenze ist nahe, Austausch mit der Welt außerhalb des politischen Europas und Integration verschiedenster Lebenswirklichkeiten ist hier – im Gegensatz zu Leipzig – täglich gelebte Realität. Was natürlich Auswirkungen auf die Kultur Košices hat.

Thema des 73. Meetings von Trans Europe Halles war hauptsächlich das Projekt Engine Room Europe (welches übrigens auch offen ist für Nichtmitglieder und großartige Chancen bietet!). Momentan laufen mehr als 10 Austauschprojekte, was natürlich viel Arbeit in Sachen Koordination, Logistik und Gedankenaustausch bedeutet. Trotzdem blieb Zeit, die Stadt, die Leute und die Umgebung ein wenig in Augenschein zu nehmen. Dank noch einmal an das Team der Kulturfabrik Taba?ka, das aus Leipziger Sicht sehr begrenzten Mitteln eine wunderbare Atmosphäre zum Arbeiten und abendlichen Feiern erschuf. Eine echte Entdeckung war das Konzert mit der slowakischen Band Chiki-liki-tua und den weißrussischen Nagual. Letzere spielten großartigen „Schamanski rocknroll“, leider gibt es kein aktuelles Material online.

Zum Schluss noch ein paar Bilder. Fotos haben ihren dokumentarischen Wert im Zeitalter der Digitalfotografie endgültig verloren, also habe ich mal dem Affen ein bisschen Zucker gegeben und an den Farbreglern gedreht. Ich hoffe, es sieht nicht alles nach Instagram aus. Am meisten hat mich gereitzt, die eigentlich recht grauen Neubaugebiete quietschbunt aufzuladen. Im Gegensatz dazu habe ich die für Touristen sicher um einiges mehr pittoreske Altstadt in ein Endzeitgrau zu tauchen. So war es in Košice, seht selbst!

[mygal=kosice]

3 Kommentare

  1. Aiva

    Wenn Leipzig einen Antrag für 2012 stellt, sind wir ganz schön spät dran…

  2. Wie immer gibt´s ein Bienchen für die Motiveauswahl, lieber Torsten!
    Sieht irgendwie alles ganz schön aus wie früher daheeme. Gefällt mir.

    Und was die örtliche Josi angeht, sollte ich demnächst mal zur Recherche im Familienarchiv verschwinden. Un-heim-lich. :O

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