/ Autor: torstenreitler

Das Unbehagen in der Kultur

Ha! Da hat mir mein Kollege nicht nur ein wunderbares Reclam-Bändchen zum Ehrentag geschenkt und damit einem bekennenden Freudverehrer eine Freud verehrt. Nein, er hat mir auch eine herrliche Steilvorlage für diesen Blogbeitrag bereitet. Die unabhängigen Kulturmacher Leipzigs stehen nämlich seit gestern wieder auf den Barrikaden, um ihr Recht einzufordern.

Wie sich hoffentlich viele erinnern, hat der Leipziger Stadtrat im Jahr 2008 beschlossen, die Fördermittel für die freien Kulturmacher bis zum Jahr 2013 auf 5 Prozent vom städtischen Kulturhaushalt anzuheben. Die Initiative Leipzig+Kultur hat sich als Interessenvertretung der freien Kultur für diesen Beschluss und dessen Umsetzung über die Jahre stark gemacht. Nun ist es 2012, die Haushaltsplanung für das kommende Jahr ist schon im Gange, und noch immer fehlen über 1 Mio. Euro im Topf der freien Szene. Bis jetzt gibt es noch kein klares Signal aus dem Rathaus, mit dem man sich zur Umsetzung des Beschlusses bekennt. Das macht natürlich stutzig und ist Anlass genug, öffentlich die Einhaltung dieses Planes einzufordern.

Wir unterstützen diese Forderung aus vollen Kräften, auch wenn wir nur für zwei unserer Projekte Fördermittel von der Stadt erhalten, nämlich das Jazz-Nachwuchs-Festival und den Grossen Preis. Aber natürlich arbeiten wir mit vielen freien Künstlern dieser Stadt zusammen, für die öffentliche Fördermittel überlebenswichtig sind.

Da immer wieder darüber gestritten wird, wozu Kulturförderung überhaupt gut ist (aktuell wird wieder einmal eine Radikalkur gefordert), geben wir hier auch mal unsere 5 Cent dazu.
Ja, Kultur ist Luxus. Aber ohne Kultur – sei sie bei Tisch, in der Arbeitswelt oder auf der Bühne – wäre die Menschheit noch immer eine Herde Affen. Wer sich darüber moniert, dass Kultur „wirtschaftlicher“ arbeiten soll, dem kann gerne erwidert werden, dass die Wirtschaft dann bitte aber kultivierter wirtschaften soll. Kulturelle Leistungen haben einen Wert, und wer den nur nach monetären Gesichtspunkten beurteilt, der hat einfach nichts verstanden.

Kunst und Kultur sind die Felder, in denen der Mensch sich vergeudet, nicht vordergründig nutzenorientiert agiert, sondern sich selbst und seine Gesellschaft konfrontiert mit Ebenbildern, Innen- und Außenansichten. Dabei werden Fehler gemacht, Investitionen verbrannt, gehen Ideen, Projekte und Personen bankrott. Nichts anderes passiert in der freien Wirtschaft auch – nur dass sich da niemand über Fördermittel aufregt, welche die Kultursubventionen um ein zigfaches übersteigen. Wenn Kultur schon wie die Wirtschaft behandelt werden soll, dann soll sie bitteschön auch so subventioniert werden. Steinkohle, Landwirtschaft, Autoindustrie dürfen da gerne als Vorbilder dienen.

Im übrigen gilt in der freien Kultur das gleiche, was in der freien Wirtschaft gilt. Für jeden Euro aus dem Steuersäckel müssen im Regelfall 2 Euro selbst erwirtschaftet werden, das ist Bedingung. Wenn Leipzigs freie Kulturmacher also hoffentlich ab 2013 ca. 5 Mio. Euro aus dem Stadthaushalt überwiesen bekommen, dann werden sie knapp 10 Millionen Euro aus eigener Kraft zu ihren Projekten beisteuern. Und diese Projekte machen einen großen Teil der Einzigartigkeit der Leipziger Kulturlandschaft aus. Was für eine Rendite für die Stadt, was für ein Bombeninvestment!

Ihr habt verstanden: dieses Anliegen braucht Unterstützung. Tragt dieses Anliegen weiter, verlinkt es, klickt www.facebook.com/fuenffuerleipzig und bleibt auf dem Laufenden. Ihr braucht Leipzigs freie Kultur – wir brauchen euch!