/ Autor: torstenreitler

Abschied von Lessing

Anfang Januar meldete sich der Kustos der Universität Leipzig, PD Dr. phil. habil. Rudolf Hiller von Gaertringen, mit einem Brief bei uns. Er sandte uns traurige Nachrichten:

„Wie sie möglicherweise wissen, soll die seit den frühen 1990er Jahren bei Ihnen in der Moritzbastei aufgestellte Kollosalbüste Gotthold Ephraim Lessings im Rahmen des Kunstkonzepts für den Campus Augustusplatz künftig im Foyer des Neuen Augusteums präsentiert werden. Ein präziser Aufstellungstermin kann bislang noch nicht genannt werden, doch soll die Plastik nach Möglichkeit bei der Inbetriebnahme des Gebäudes zum Sommersemester am neuen Ort aufgestellt sein.“

Nun gut, Leihgaben sind nur geliehen. Die Inschrift auf dem Rücken der Büste weist es aus: „Carl Seffner 1909 Der Universität zum Jubiläum 1909 d. Lpz. Herrenabend“. Aber der gute Gotthold ist schon lange so etwas wie ein liebgewordenes Familienmitglied geworden. Meiner bescheidenen Meinung nach steht er auch schon länger in der Moritzbastei, zumindest seit den späten 1980er Jahren, was ein Foto aus unserem Archiv nahe legt.

Keine Ahnung, wer diese Entscheidung getroffen hat. Die Lessingbüste hat unserem Café mehr als zwei Jahrzehnte den Geist von Aufklärung, Kunst und Universität verkörpert. Hunderttausenden Besuchern unserer Diskotheken, die ja gemeinhin den Ruf einer ungenügend intelektuell unterfütterten Belustigung genießen, hat sie stets klar vor Augen geführt: „Ihr seid hier nicht im Schauhaus, Freunde!“

Das bedenkend können wir auch nicht ungeteilt zustimmen, dass die „Skulptur künftig in einem größeren Gesamtzusammenhang gezeigt werden soll“, wie der Kustos weiter schreibt. Wo ist der Gesamtzusammenhang zwischen Universität und Leben, zwischen geistiger und hochgeistiger Erquickung bitteschön in Leipzig größer als in der Moritzbastei? Und, ohne despektierlich klingen zu wollen – ob sich Lessing im Foyer des Neuen Augusteums nicht ein bisschen einsam vorkommen wird?

Wir werden es nie erfahren. Machs gut, olle Gipsbirne. Du wirst uns fehlen.

5 Kommentare

  1. Andreas

    wen wunderts, ihr seit der seelenloseste laden der stadt…

  2. Pingback: Alle großen Männer sind bescheiden. « prochaine arrêt

  3. Ob die Moritzbastei eine seelenlose Kaschemme ist, entscheiden unsere Gäste. Wir freuen uns natürlich, wenn so eine Behauptung Widerspruch erregt. Aber Eigenlob ist nicht unsere Liga. 😉
    Ansonsten gilt die alte Netzweisheit: Don´t feed the troll.

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