/ Autor: torstenreitler

Gute Reise, Peter

Zum Veteranentreffen Ende November hatte ich mich mit Otto Schäfer, dem ehemaligen technischen Leiter unseres Hauses, kurz über Peter Kunz unterhalten. Wir wussten seit geraumer Zeit von seiner schweren Krankheit und dass seine Zeit auf eine drängendere Weise begrenzt war als die unsrige. Gestern besuchte uns Otto Schäfer und teilte uns mit, dass Peter Kunz am 6. Dezember im Kreise seiner Familie sein Leiden überwunden und Frieden gefunden hat.

Die letzten Gelegenheiten zu längerem Austausch mit Peter ergaben sich im Vorfeld der Feier zum 35. Jubiläum des 1. Spatenstichs an der Moritzbastei. Auf dem geplanten festlichen Empfang sollte Peter als erster Leiter des Klubaktivs und langjähriger Direktor der Moritzbastei eine kurze Rede halten. Schon damals war er geschwächt, doch natürlich war es ihm Freude und Ehrensache, seiner alten Wirkungsstätte diesen Dienst zu erweisen. An diesem 9. April 2009 begegnete er so noch einmal vielen seiner ehemaligen Freunde, Mitstreiter und Kolleginnen, die während seiner zehn Jahren Moritzbastei und darüber hinaus begleitet haben.

Diese zehn Jahre Moritzbastei hatte Peter entscheidend mitgestaltet. Als er 1975 zum Klubratsvorsitzenden bestimmt wurde, war die Bastei noch eine halbverschüttete Ruine hinter der Trümmerbrache des alten Museums der Bildenden Künste. Der spätere „Zentrale Jugend- und Studentenklub der Karl-Marx-Universität“ ein schöner Traum. Sieben Jahre seiner Arbeit verrichtete er auf der Baustelle, nur die letzten vier Jahre nach 1982 leitete er ein funktionsfähiges Haus. Seine Generation war aus der Studentenschaft der Karl-Marx-Universität in die „mb“ hineingewachsen, und diese Prägung ist bis heute entscheidend für unsere Arbeit, auch wenn die Strukturen der Bastei sich heute völlig gewandelt haben.

Mit 38 Jahren übergab Peter Kunz 1985 sein Amt als Klubdirektor an Klaus Koch. In den langen Gesprächen, die ich später mit Peter führte, hatte ich immer das Gefühl, dass er mit seiner Zeit in der Moritzbastei im Reinen war. Er recherchierte 2002 für ein Buchprojekt, welches er gemeinsam mit Susann Morgner realisierte. „Die Moritzbastei in Leipzig“ ist praktisch das Standardwerk über unser Haus geworden, der Geist von Peter strahlt aus den kundigen, sachlichen und mitfühlend geschriebenen Kapiteln. Seinem Sinn für bildende Kunst verdanken wir ein aufgearbeitetes Verzeichnis der in der Moritzbastei ausgestellten Kunstwerke, über welche sonst womöglich in der Zeit und nach Millionen von Besuchern in mehr als drei Jahrzehnten in Vergessenheit geraten wären.

Die Moritzbastei-Erbauer waren Kinder ihrer Zeit und natürlich entgingen sie nicht deren Widersprüchen. Die „Baugruppe“ um Werner Teichmann und Klaus Röder und die „Kulturgruppe“ um Peter Kunz hat das Projekt Moritzbastei in den von Anstrengungen und Improvisation geprägten ersten Jahren weit auseinander getrieben. Das Zerwürfnis war langlebig und wurde von beiden Seiten gepflegt, bis zum Schluss war leidenschaftliche Ignoranz das höchste der Gefühle, das man füreinander aufbringen wollte. Mit Abstand und ohne Verbindung zur Moritzbastei der DDR-Zeit können wir uns heute nur vor der Leistung beider Seiten verneigen und Dankbarkeit zeigen. Peter Kunz hatte das Glück, nach den Pioniertagen in der Bastei seinen Traum leben zu können. Den Traum von Kultur und Kunst, geplant und gelebt von und für junge Menschen, insbesondere in einer Zeit, in der die Freiräume dafür nur in privilegierten Nischen wie der Moritzbastei zu finden und zu verteidigen waren.

Vielen Dank Peter, und Gute Reise.

[mygal=peterkunz]

1 Kommentar

  1. Andreas Schneider

    Lieber Torsten,

    das hast du wirklich sehr schön geschrieben. Eigentlich hätten wir dir das schon viel früher sagen sollen. Das war auch der Tenor gestern Abend im Schwalbennest, als einige von uns „Alten“ mit Sabine nochmals einen kleinen persönlichen Abschiedsabend hatten, nachdem wir am Vormittag Peter in Berlin auf seinem letzten Weg begleitet haben.

    Sicher werden die Erinnerungen an Peters Wirken sehr unterschiedlich sein – je nachdem, wie man ihn erlebt hat. Für mich ist es aber wichtig zu betonen, dass er uns gerade in der ganz frühen Zeit alle mit seinem Enthusiasmus und seinem Engagement mitgerissen, in uns das Bedürfnis gewckt hat, hier aktiv dabei zu sein, und uns vor allem den Glauben vermittelt hat, das aus den von vielen anderen auch belächeltem Projekt mb wirklich etwas werden kann. Und da hat ihm ja die Entwicklung, auch mit den Beitrag von vielen vielen anderen, Recht gegeben … Dabei sei Eurer Anteil, die Ihr alle die mb nach 1990/91 unter ganz neuen Bedigungen im Geist der Gründungsabsicht am Leben erhalten bzw. erst zu neuem Leben gebracht habt. Auch dafür Dank!

    Andreas Schneider

    1976-77 Ordnungsgruppe, 1977-82 und 1984-85 AG Musik
    seit 1980 Ehrenmitglied

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