/ Autor: torstenreitler

Sonne, Mond und Freie Szene

Heute morgen lud der Leipziger Tourismus- und Marketing GmbH (LTM) zum monatlichen Tourismusfrühstück in unsere heiligen Hallen. Thematisch wurde in die Runde gefragt: „Leipzigs Szene – Strahlkraft in die weite Welt?“. In einem Satz zusammengefasst könnte die Veranstaltung so werden, dass diese Frage touristisch eher zweitrangig ist, für das Stadtmarketing aber durchaus von Bedeutung sein müsste. Aber leider nicht ist.


Zuerst das Protokoll: Auf dem Podium saßen Falk Elstermann (naTo-Geschäftsführer und in Nebenberufung bekanntester Kulturpolitiker Leipzigs nach dem glücklosen Kulturbürgermeister, was leider nicht für die hauptberufenen Kulturpolitiker dieser Stadt spricht), Jens Frohherz (Vorstandsvorsitzender des Leipziger Jazzclubs e.V.), Dr. Helge-Heinz Heinker als Moderator, Volker Bremer (Geschäftsführer des LTM), Jörg Augsburg (Leipzig PopUp und langjähriger Musiksherrif dieser Stadt), sowie Christian Kießling, Inhaber des Hotels Alt-Connewitz. Von links nach rechts, übrigens.

Rein optisch verlief der Riss durch das Podium zwischen Bremer und Augsburg, die von der Körperhaltung her Johannes und Jesus aus Da Vincis „Letztem Abendmahl“ darstellten. Da fand das thematische Fremdeln auch bildlich seinen Ausdruck, denn trotz der Forderung (Augsburg) und der Beteuerung (Bremer) nach bzw. von Gesprächsbereitschaft sahen die beiden Herren keineswegs danach aus, als hätten sie ernstlich vor, sich demnächst zu einem Geschäftsessen zu verabreden.

Lange Reden führten immer wieder zum bekannten Sinn, dass a) die Leipziger Szene sehr heterogen ist und b) viel zu kleinteilig und autark, als dass sie sich wie Weihnachtsmarkt und Godwanaland dazu eignen würden, busladungsweise Touris an die Pleiße zu locken. Berichtenswert, wenn auch nicht neu, war die Übereinkunft, dass die Szene eher Menschen anzieht, die planen, für einen längeren Zeitraum nach Leipzig zu kommen.

Schließlich ergibt sich das Bild der Leipziger Szene, die ja immerhin in der New York Times erwähnt wurde, wovon man sich in den Marketingbüros im Cityhochhaus offensichtlich immer noch nicht erholt hat, schließlich ergibt sich dieses Bild der Szene aus Alltagsarbeit, weniger aus touristisch vermarktbaren Großevents. Die es zwar gibt – Jazztage, Designers Open, PopUp, WGT und ein paar mehr – die aber längst nicht die Größe haben, für die sich das Leipziger Stadtmarketing zu größeren Kampagnen hinreißen lassen würde. Mal ein Artikel in der Hauspostille, ein Foto mit f/stop, DOK-Woche, Jazzfestival für die Pressemappe, ein Flyer für die Karli – aber im Rahmen des Großprojektes „Leipziger Freiheit“ findet „Freie Szene“ schlicht nicht statt. Dafür zwei mal der Leipziger Tatort und der Slogan „Leipzig ist das bessere Berlin“ für die creative city Leipzig, der diametral der Aussage widerspricht, in Leipzig wäre man kreativ.

Leipzig braucht seine freie Szene, und die Stadt profitiert davon, auch im Sinne des Standortmarketings. Das war unbestritten im Podium wie im Publikum. Aber braucht die Szene das Tourismus- bzw. Standortmarketing? Da wurde dann doch einiges an den Haaren herbeigejazzt, ernstlich hat wohl auch kaum ein Leipziger Kreativer vor, sich touristisch zu vermarkten. Die Baumwollspinnerei vielleicht und das WGT, aber dann wird es schon dünne. Wird seine Gründe haben, könnte man meinen.

Hervorzuheben wäre noch das Lob vom Moderator Dr. Heinker an die freie Szene, das er mit für ihn wohl erstaunlichen Erkenntnissen begründete, die er von der Dresdner Immobilienmesse mitgebracht habe. „Zuerst kommt die Szene, und belebt ein Viertel, wenn die Investoren noch gar nichts davon wissen wollen. Und dann, wenn es läuft und lebt, dann wird es interessant auch für die Immobilienhändler. Seien sie stolz auf ihre Arbeit, sie sind auch Denkmalpfleger!“
Vielen Dank, das nennt man landläufig Gentrifizierung, und nicht alle Beteiligten können dieser Entwicklung soviel Begeisterung abringen wie Herr Dr. Heinker.

Es war nicht alles umsonst, was an diesem Morgen gesagt wurde. Manchen Dingen hilft es auch, wenn sie immer wieder mal in der Öffentlichkeit benannt werden. Zum Beispiel, dass es noch viel zu reden und zu tun gibt für und um die kreative und kulturelle Szene in dieser Stadt. In den Artikel der N.Y.T. von gestern kann man eben nur den Fisch einwickeln, der heute und morgen und übermorgen aus der Pleiße gefischt wird. Wieviel Bereitschaft zur Strukturförderung bei der Stadt wirklich da ist, wieviel Bereitschaft bei in der Szene vor Vernetzung und zur politschen Lobbyarbeit vorhanden, muss sich mittelfristig zeigen.

Ohne das ist es mit der Strahlkraft der Leipziger Szene wie mit der des Mondes: Wenn von außen Licht darauf fällt, sieht es wirklich ziemlich hübsch aus.