/ Autor: philipp

„Und action!“ – Inselbühne-Robotniks vs. humanoide Zuschauer

Und Action! in der Moritzbastei

Es gibt diese Abende mit Freunden, an denen ein geklauter Kalauer den nächsten jagt. Es sind die Abende, wo eine Diskussion von dem Einbinden des richtigen Filmzitats an der richtigen Stelle lebt; vielleicht etwa so:

„…Genau oder die Szene wo der „Dude“ sagt: ‚Ich bin nicht Mr. Lebowski, Sie sind Mr. Lebowski. Ich bin der Dude. Und so sollten Sie mich auch nennen, ist das klar? Entweder so oder Seine Dudeheit oder Duder oder auch El Duderino, falls Ihnen das mit den Kurznamen nicht so liegt.‘, endgeil Alter, oder? – Erik hat sich von Marie getrennt – habt ihr schon gehört? – Ach komm schon, nicht so ein Terz jetzt – ich sag nur »Trainspotting«: ‚Haste keine Kohle, kannste dich nicht besaufen. Haste Kohle, säufst du zuviel. Haste keine Braut , kannste keine Nummer schieben. Haste ne Braut, gibt’s nur Stress.‘, sagt ja wohl alles, oder? – Bedienung! 3 Bier! – Ihr seid echt zwei Typen. Das mit Eric ist wie in »Reality Bites«, und meine Lieblingsszene, die, wo Winona Ryder Troy mal die Meinung geigt und sagt: ‚Du leidest am Philosophen-Groupie-Syndrom. Du hast einen Intelligenzquotienten von 180. 10 Punkte vom Abschluss in Philosophie entfernt und trotzdem fällst Du immer wieder auf diese dummen Gänse rein, die Dich anhimmeln.‘, bringt genau auf den Punkt…, Moment mal Anna – verheimliche uns aber nicht Troy’s Reaktion, der sagt doch so was wie: ‚Sie sind nicht dumm. Sie sind nur sehr deprimiert.‘, womit wir dann bei Marie wären, aber Leute kommt schon, ist doch egal – Hat jemand schon den neuen Woody Allen gesehen? …“

Am besten funktionieren diese Gespräche, wenn alle Beteiligten eine ähnliche Filmsozialisation erfahren haben. Dann wundert man sich gemeinsam mit jedem Getränk mehr aus welcher hinterletzten Ecke man selbst erstens die ganzen Erinnerungen an kleinste Filmschnipsel holt und zweitens, wie man sich keine 10 Seiten des Lernexzerpts merken, aber anscheinend den halben »The Big Lebowski« auswendig mitsprechen kann.

Das Sommertheater der Inselbühne und der Moritzbastei Leipzig setzt mit der Inszenierung „Und action!“ genau auf dieses Phänomen die Krone, in dem es nämlich unter der Regie von Volker Insel einen bunten Sommertheaterabend präsentiert, der sich des „Verwurstens“, des Aneinanderreihens und Ineinanderverschränkens von Filmzitaten annimmt.

Der Handlungsrahmen ist grob aber einleuchtend. Sechs außerirdische Roboter, mit Nummern als Namen, werden von ihrem Zentralcomputer auf eine Exkursion zur Erde geschickt. Um im Umgang mit dem „humanoiden Material“ nicht allzu blöd aus der Wäsche zu schauen, wird der Ernstfall geprobt. Ein ums andere „Artefakt“, in Form einer VHS-Kassette, verlässt den Eisschrank und manövriert Siebenundvierzig Elf, Null-Acht-Fünfzehn, Neunzehn Neunundachtzig und die anderen in „lebensechte Situationen“. Diese echten Lebenszustände kennt der filmsozialisierte Zuschauer aus Hollywood. Immer tiefer dringen die außerirdischen Roboter so in die Materie ein, bis sie am Ende eine Erkenntnis haben.

Die Inszenierung spielt geradeso mit den Assoziationen und dem Erinnerungsvermögen ihres Publikums. „Das kommt mir doch bekannt vor.“, kann man aus stirnrunzelnden Gesichtern lesen. Laute Lachsalven ertönen, wenn jemand weiß oder zu wissen glaubt, welches Video die Robotniks gerade nachspielen oder besser für sich erlebbar machen. Das ist an vielen Stellen zum Schreien komisch – der Roboter „Drei Komma Eins Vier Periode“, der aussieht wie ein eingegipster Conehead, schmückt in Anlehnung an einen berühmten Western sein haarloses Haupt mit einem Cowboyhut. Zwei Knarren und ein geheimnisvoller Koffer nebst einer Afrofrisur machen ferner flugs deutlich, dass Roboter 1989 hier wohl gerade das Seelenleben von Samuel L. Jackson in einer seiner berühmtesten Rollen erkundet. Das alles in Roboterkleidung – detailverliebt aus glitzernden Ornamenten und Ohren aus Abflusssieben zusammengesetzt. Das jeweilige Hüpfen von der Roboter- in die Videowelt wird zum roten Faden des Stücks.

Dieser rote Faden ist nur, trotz aller gut platzierten Lacher und dem überzeugenden Spiel aller Protagonisten, die immer wieder zwischen ihrer Roboter-Rolle und einer Film-Rolle wechseln müssen, auch das, was einem nur zu schnell klar vor Augen liegt, durchschaubar ist und eine mögliche Dramatik untergräbt. Schon nach kurzer Zeit ist daher jedem Zuschauer klar geworden, dass die Roboter in den nächsten 90 Minuten eine Videokassette nach der anderen aus dem Schrank holen, um sich in punkto Verhalten auf die Erde vorzubereiten. Darunter leidet das Stück phasenweise, denn der fehlende Spannungsbogen kann nur kompensiert werden, wenn das Publikum in seinen Assoziationen und aus seinem Fundus an Filmwissen schöpfen kann. Kennt ein Zuschauer den Film nicht, ist es zu verkraften, dass sich die Gags nicht in vollem Umfang erschließen; wenn dann aber so auch dieser Spannungsbogen zur Ebene mutiert, hat man letztlich nichts mehr zu lachen und nichts mehr, um von der Handlung gleichsam gebannt und gefesselt zu sein.

Vielleicht geht es aber darum auch gar nicht. Vordergründig geht es um bestmögliche Unterhaltung und die gelingt auf höchstem Niveau fast durchgängig. Das Bühnenbild und die Requisite ist – abgesehen von den aufwendigen und zauberhaften Roboter-Outfits – reduziert und trotz oder gerade deswegen stets pointiert. Licht- und Ton geben dem Zuschauer nicht nur dezente Hinweise, sondern die akustischen und visuellen hammerschlaggleichen Zeichen, wenn es vom Raumschiff, in die Videokassette und wieder zurück geht. Die Schauspieler spielen wahrlich miteinander – man spürt wie sie trotz großer Konzentration auf die schnellen Wechsel der Welten aufeinander eingehen und einander zuhören und sich allesamt die anspruchsvollen, schnellen Übertritte in die „humanoiden“ Rollen gegenseitig so geschmeidig wie möglich machen wollen. Jeder kann in diesem Ensemble überzeugen – ob als Roboter oder als legendäre Filmrolle. Allen voran verzückt Andreas Guglielmetti als Roboter „Drei Komma Eins Vier Periode“ – er springt immer wieder gekonnt und mitreißend aus seiner Roboterrolle in die eines „Filmstars“, ohne sich dabei zu verheddern, auch wenn die Charakterfärbung unterschiedlicher nicht sein könnte.

Der Inselbühne ist eine humorvolle und energiegeladene Unterhaltungs-Sommertheater-Show gelungen, die den Fans des MB-Sommertheaters aber auch Filmfreaks aller Orten einen amüsanten Abend feil bietet. Der Minuspunkt durch die recht vorhersehbare Handlung gilt eigentlich nicht wirklich – letztlich sind viele, der in „Und action!“ „verwursteten“ Filme, im Original nicht anders aufgebaut – man weiß schon nach 10 Minuten was passieren wird – so ist die Inszenierung von Volker Insel letztlich konsequent in ihrer Umsetzung, da sie einem so nicht nur die unterirdische Dialogtiefe mancher Hollywood-Schinken humoristisch vor Augen hält, sondern auch zeigt, wie durchschaubar eigentlich deren Dramaturgien sind.

„Und Action!“  läuft seit Dienstag, den 07. Juli 2009 im Sommertheater der Moritzbastei. Der Eintritt kostet 15,-/10,- Euro. Beginn ist jeweils 20.30 Uhr.

Weitere Termine:
Freitag, 10.7.
Samstag, 11.7.
Sonntag, 12.7.
Freitag, 17.7.
Samstag, 18.7.
Sonntag, 19.7.
Dienstag, 21.7.
Mittwoch, 22.7.
Donnerstag, 23.7.
Freitag, 24.7.
Samstag, 25.7.
Sonntag, 26.7.

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Die Bilder der folgenden Galerie stammen von Detlev Endruhn.
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