/ Autor: torstenreitler

Statt Theater

Unter diesem Motto fand gestern eine Diskussionsrunde im Rahmen von Leipzig PopUp! im Absturz statt. Es ging um das Konzertprogramm im Centraltheater, das in den letzten Monaten unter den Leipziger Konzertveranstaltungen für einige Irritationen gesorgt hatte. Neben dem Musikkurator des Centraltheaters, Christoph Gurk, Roland Bergner (Booker Werk II), Michael Kölsch (Grüne, Vorsitzender des Kulturausschusses der Stadt Leipzig) und Thomas Irmer (Theaterjournalist für 3sat u.a.) durfte ich als Vertreter der Initiative Leipzig plus Kultur meinen Senf abliefern.

Was ging, erfahrt ihr auf der nächsten Seite.

Es gibt wohl keine blödere Ausgangsposition für ein Streitgespräch, wenn die Gesprächsteilnehmer keine festgefügte Meinung zum Thema haben. Jedenfalls ging es mir so. Was ist das Problem daran, dass Christoph Gurk (ex-Spex-Chefredakteur, vorher Musikverantwortlicher der Volksbühne in Berlin) im Theater Konzerte veranstaltet? Für das Leipziger Publikum ist es auf jeden Fall ein Gewinn. Das Centraltheater ist ein außergewöhnlicher Konzertraum, die auftretenden Künstler sind auf jeden Fall sehenswert.

Aber wozu braucht ein Stadttheater eine Konzertschiene? Christoph Gurk beantwortet dies mit dem Hinweis, dass ein Theater sich öffnen müsse hin zu anderen Kunstformen, um gesellschaftlich relevant zu bleiben, um jüngerem Publikum den Zugang zum Theater leichter zu machen. Ich habe dann mal angedeutet, dass die Moritzbastei nach dieser Definition auch ein Theater sei, nur halt mit höherem Musikanteil. Und ohne öffentliche Subventionen. Gegenargument: Das Centraltheater hat ein Ensemble zu unterhalten!
Gegenargument dagegen: Mit 14 Millionen im Jahr unterhalten wir auch ein Ensemble…

Naja, wie ihr seht, mehr als ein bisschen Schattenfechterei kam dabei nicht rum. Zumal ja nur irgendwie akzeptable Menschen auf dem Podium saßen, niemand hatte auch nur im mindesten Grund, irgendjemandem zu nahe zu treten.

Die schönste Argumentation des Abends will ich euch aber nicht vorenthalten, die ging nämlich so:
Christoph Gurk meinte, mit seinen Konzerten in einem zusammenbrechenden Musikmarkt Künstlern und Musikformen eine Chance zu geben, die unter „reinen Marktbedingungen“ keine Chance mehr hätten. Weil sie eben „Kunst“ seien und keine sinnlose Gebrauchsbeschallung, wie sie an unsere halbverblödeten Teenager via Klingelton vertickt wird.
Das ist ein guter Punkt. Ich erlaubte mir die Erwiderung, mit dieser Argumentation könnte man analog ein städtisches Musikhaus mit 14 Millionen Euro ausstatten und dort die gefährdete moderne Musik vor dem Markt retten (dabei könnte man zeitgenössische E-Musik und Jazz z.B. gleich noch mit durchfüttern, für die scheint der Rettungsschirm des Centraltheaters ja irgendwie (noch) nicht zu gelten (ein Schelm, wer Böses dabei denkt)).

Immerhin haben wir Michael Kölsch mit solchen Sophistereien ein wenig zum Schmunzeln gebracht. Vielleicht merkt er sich das ja bis zur nächsten Entscheidung des Kulturausschusses, wenn es um die Verteilung der Fördermittel für die freien Konzertveranstalter in Leipzig geht. Popmusik ist förderwürdig! Was für eine Erkenntnis.