/ Autor: torstenreitler

Was aus Großmamas Zeiten

Die Session-Kultur hat in der Moritzbastei Wurzeln, die beinahe lange vergessen sind. Jetzt haben wir GRANDMAs FINEST GROOVE JAM, ins Leben gerufen von Musikern um die Black Coffee Band.

Wie eine (allerdings sehr bemerkenswerte) Session im März 1990 in der Tonne ablief, hat eine damals hoffnungsvolle ehrenamtliche Mitarbeiterin der AG Öffentlichkeit der Moritzbastei für die Nachwelt festgehalten.

Einige Mitglieder der damaligen Bands waren später und sind zum Teil noch heute wichtige Teile der Leipziger Musiklandschaft, zum Beispiel bei Germaica.net, bzw. der Sonic Boom Foundation. (oder sie schreiben für das basteiblog, har har).

Bei der 4. „mb-session“ spielte zuerst Messer Banzani, danach war die Bühne offen. Höhepunkt der Session war der Auftritt einiger alte Blueser, damals in der alternativen Musikszene das Feindbild Nr. 1. Deren Lieder schmückten sich mit Textzeilen, die gar nicht gingen. Mir ist irgendwas in Erinnerung geblieben mit „Träume sterben im Stacheldraht“, so ganz schlimmer Langhaarigenmurks.

Die Konterattacke sah folgendermaßen aus: Ans Mikro springen und einen bekannten Hippie-Refrain in Endlosschleife zu singen. Und zwar EGAL, was die Band gerade spielte… und zwar so lange, bis niemand mehr auf der Bühne war, außer dem Background-Chor… und das hat wirklich eine Weile gedauert.

Hier der Originaltext.

„Ach. Ach, was war das für ein lustiger Abend. Ein Sonntagabend. Eine mb-session. Die vierte. Ich hatte überhaupt keine Lust. Ich also, schleppe mich in die Tonne und höre da – Schreie recht unmusikalischer Art vom Bühnenkünstlerräumlein – und siehe das: Die „Messers“ hüpfen heraus. Oh: Lanni (voc, git) im grauen Flanellanzug (mit Weste, mit Binder), der Riesenbläser (oder Bläserriese?) im Jacket, die Dame weißbehemdet und bewestet. Oijoijoi! Eben so richtig Ska. Bloß, Matthias (bass), wo ich gerade bei der Anzugsordnung bin – dein buntkariertes Hemd passte ja nun überhaupt nicht. Herr Bassist… hi,hi. OKAI. Die Messer Banzanis waren echt gut drauf. Die Tonne juchzte. Dankeschön!

So und jetzt: Session! Jippi. Wen habe ich da alles vernommen – „Teile“ von Messers, Tishvaising(s), Zorn, Neurot, Reinfall (tonlos), Schandfleck R.B., Danse macabre, Poul and the Poopers, Anti-Statik (richtig geschrieben?), Mad Affaire und sämtliche mir namentlich unbekannte Bühnenkünstler. Jedenfalls war die ganze Angelegenheit ein tatsächlicher Treff Leipziger Musikusse. Könnte öfter sein, oder? Es bedurfte je keines einzigen Stupsers, den Session-Platz in der Tonne zu belegen – gekämpft wurde, um jede Minute.

So stemmten pausenlos genreverschiedene Töner ihre eigenen wie fremden Instrumente. Mit der Zeit sprudelte es auf dem Podest, und das Publikum verzog sich. Die Musiker sind halt heiß. Lang-, mittel-, kurzhaariger Heavy-Jazz-Jazz-Heavy-ein wenig Punktanz-Hip Hop-uh-ah plus „das Einfachste vom Einfachen“: Blues(Sch)mus.

Vier Herren fielen mir besonders auf (Trompetist, Posauner, Saxophoner, Gitarrist). Sie kriegte partout keiner von der Bühne. Dazu röhrte eine rotkarierte Röhre in Stonis, irgendwann machte sich auch ein „älterer“ Herr zum Sing-Sanger. Ja und da sich niemand niemandem unterwerfen wollte, PASSIERTE ES: Musikalische Gegenspieler (z.B. einige Messers, Pouls, Tishvaising(s)) stürmten den Session-Platz, erwischten aber nur die Gesangsmikros – und trällerten.
Zehn bis zwölf Leutchen nockten an der Himmelspforte. Sie sangen „nämlich“ mit Hingabe den guten alten Bobby Dylan: „Knocking on heavens door“ – wohlbemerkt in e i n Mikro. Juchu! Lustiger gehts nich mehr!?
Nun wurden diese Gegenspieler von den Stammherren nicht als solche identifiziert. So spielte man das Spiel ewiglich. Der alleinige Sieger: die Gegenspieler. Das gab mir Bedenken auf.
Übrigens: Funk hat total gefehlt.

Das hört sich vielleicht alles sehr spaßig an – hey such doch nicht nach böser Ironie, lieber Leser! Das hier Verewigte ist mein vollster Ernst. Allerdings hätt ich sooo gern am Sessionende resümiert „Punk sei Dank“ – dann eben nicht, sag ich schließlich „Gruß und Blues“…

MARIÖN


Am Rande: Zwei Tage nach der Session erzählte mir Messers Bassist Matthias, er habe erstmal seinen Bass reinigen müssen – er war blutbeschmiert… Nächstes Mal bitte nicht so doll, die Herren!?“