/ Autor: torstenreitler

Was geht?

Die Rolling Stones haben gerne eine private Fähre, die Spice Girls eine eigene Boeing. Aber auch in den Niederungen des Veranstaltungsalltages gibt es Momente, in denen Anspruch und Wirklichkeit derbe aufeinandertreffen. Eine beliebte Spielwiese für Profilneurosen sind Cateringanforderungen, wie wir erst letztens wieder erfahren durften…

Wenn man als Veranstalter im Vorfeld wissen möchte, wie der erwartete Künstler so ungefähr tickt, hilft ein Blick auf die Cateringliste meist ganz gut weiter.

Kategorie eins: Bands am Fuße der Leiter zum Erfolg sind meist total geschockt, wenn sie erfahren, dass sie vor dem Auftritt auch noch was zu Essen kriegen und beschließen, dass es unbedingt die richtige Entscheidung war, eine Band zu gründen.

Kategorie zwei: Bands, die für einen Gig auch die Hüftprotese ihrer angeheirateten Schwippnichte veräußern würden, haben keine Cateringliste. Sie bitten bescheiden um „Spritkohle und warmes Essen“. Wenn dazu noch steht: „4 mal vegan, 3 mal vegetarisch, 1 mal Fleisch“ weiß man, dass man eine Hardcoreformation mit gemietetem Fahrer vor sich hat.

Kategorie drei: Künstler im Profisektor listen natürlich minutiös auf, wieviele halbe Brötchen sie haben möchten, ob sie Rot- oder Weißwein bevorzugen, vergessen auch die Flasche Klaren und die Palette Energydrinks nicht. Und den Grapefruitnektar für den Techniker!

Kategorie vier: Ausnahmekünstler sind Perfektionisten: Hier wird aufgelistet, welchen Geschmack die Limo haben darf, wieviele Brötchen mit Käse und wieviele mit Lachsersatz belegt sein dürfen und dass der Bassist keinen Reis verträgt. Espresso wird unterschieden von Kaffee und die veganen Brotaufstriche werden mit lateinisch korrekter Artenangabe benannt. Wasser wird still, medium und carbonisiert erwartet, die Biermarke wird explizit genannt und Wein vom Discounter abgelehnt. Marmelade, keine Konfitüre!

Grundsätzlich sind aber solche Listen eher eine Orientierung für unsere Küche – bei uns ist noch niemand vergiftet, kein Veganer ist verhungert, kein Vegetarier mit Fleischtomaten behelligt worden. Manche Wünsche werden auf den Punkt erfüllt, andere so gut ersetzt, wie es gerade geht. Meist hilft ein kurzes Gespräch vor dem Soundcheck, manchmal auch ein Eisbecher, und alles ist gut.

Heiterkeit ist vorprogrammiert, wenn sich Bands aus Kategorie eins mit Caterinlisten bewaffnen, die Künstler aus Katgorie vier Schamesröte ins Gesicht treiben würde. Kaffee bitte nur fair-trade! Keine Cocacola! Brot gemischt aus Dinkel- und Buchweizen!

Richtig lustig wird es aber, wenn der Tourmanager von knapp volljährigen, auf dicke Hose machenden Freestyle-Rockstars die sich unter dem kalten Buffet im Backstage biegenden Tische und den brechend vollen Kühlschrank Punkt für Punkt mit seiner Liste vergleicht und mit ausdrucksloser Miene verlangt, dass der aus einem westfälisch-vorstädtischen Reihenhaus entsprungene Auswechseltänzer seine gewohnte vegane Vorsuppe noch nicht goutiert hätte und er sich auf gar keinen Fall mit Vorspeise, Hauptgang und Dessert zufrieden geben könne!
(Fragt mich bitte nicht, ob ich mir dieses Beispiel ausgedacht habe… )

In diesem Moment liegt einem als Veranstalter die Frage auf der Zunge, ob die Jungens denn zum Essen oder zum Musikmachen auf Tour wären…

Aber grämen wir uns nicht. Bisher hat noch niemand auf chlorfrei gebleichtem Papier gedruckten Tickets verlangt. Oder Tresenkräften mit Abitur, die Kontrolle der Besucher auf Kleidung aus thailändischen sweat-shops und die Einhaltung der EU-Klimaverordnung seitens des Klubs. Oder dass der Backstage nicht mit Reinigungsmittel mit Zitronenduft gereinigt werden darf. Verträgt ja auch nicht jede zarte Künstlerseele.

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