/ Autor: torstenreitler

Leipiger Rockgeschichte

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Die Ausstellung war ein Wochenende im Werk II zu sehen; viel zu kurz natürlich für eine Arbeit dieses Ausmaßes. Darum zeigen wir sie einen Monat lang bei uns im Café, am 2. August ist die Vernissage. Angekündigt sind viele stadtweit prominente Rockdarsteller der letzten 20 Jahre, vielleicht geben sie sich sogar gegenseitig Autogramme…

Zugegeben, ein bisschen bin ich neidisch auf die Ausstellung. Ich hatte nämlich vor ein paar Jahren ebenfalls damit geliebäugelt, eine solche auf die Beine zu stellen, und zwar zum Anlasse der soundsovielten runden Ausgabe der Persona Non Grata (in deren e.V. ich möglicherweise noch immer Karteileiche bin, wer weiß, wer weiß). Damals wurde mir aber von allerlei Seiten schwer davon abgeraten – wer würde sich für solchen Schlunz interessieren… Wie ihr seht, habe ich mich davon einlullen lassen, jetzt streicht die Agentur „Glücklicher Montag“ den Ruhm ein. Verdientermaßen, soweit ich die Ausstellung überblicken konnte, waren sie wahrlich fleißig.

(Die Selbstfeierei von Projekten, in denen Agenturmitglieder direkt oder indirekt involviert waren/sind, bewerte ich hier mal nicht (soll mich ja nicht mehr süffisant zu Dingen äußern, die in unseren Gewölben stattfinden). Wäre ich der Kurator dieser Ausstellung gewesen, hätte ich natürlich anderen Bands und Netzwerken viel mehr Aufmerksamkeit gewidmet (wahrscheinlich denen, die ich in den letzten 20 Jahren in den Sand gesetzt habe). Wieviele Klammern sind jetzt eigentlich noch offen?)

Keine mehr, ok.

Gehen wir zum unterhaltsamen Teil dieser Betrachtungen über. Sandra vom „Glücklichen Montag“ frug mich im Vorfeld der Ausstellung, ob die Moritzbastei nicht auch Ausstellungsmaterial beitragen könnte. Ich verneinte die Anfrage freundlich, da wir erst seit ein oder zwei Jahren systematisch archivieren. Beim Nachdenken über diesen Blogeintrag habe ich mir dann aber doch noch ein paar ältere Bilder angesehen – und plötzlich fiel mir ein Bild in die Hände, welches eigentlich unbedingt in die Ausstellung gehört hätte!

Nämlich jenes, welches am bedeutungsvollen Datum des 16. August des Jahres 1987 in der Moritzbastei aufgenommen wurde. Damals spielte die Leipziger Band mit dem dadaistischen Namen „Meat Loaf is not older than bread though he may look like that“ ihr Einstufungskonzert in der Tonne, welches – das sei hier nur am Rande erwähnt – in einem Debakel endete (die Einstufungskommission bemängelte die überlangen Art-Rock-Soli des Pianisten, die anwesende Stasi den Bandnamen und das Publikum die Frisur der Sängerin).

Anwesend waren an diesem Abend auch ein paar Gäste aus Wuppertal, Teilnehmer eines Jugendaustausches mit der dortigen DKP-Ortsgruppe. Für diese war die Reise in die DDR natürlich ein Abenteuer, welches für den mitgereisten Klaus-Jochen H. an diesem 16. August 1987 mit einer schmerzhaften Erfahrung – genauer einem offenen Oberkieferbruch – enden sollte.

Was genau passierte damals in der Moritzbastei? Alkohol spielte eine nicht unwesentliche Rolle, sicher. Mehr aber noch die Unkenntnis von Klaus-Jochen H., hiesiges Kunstkonsumverhalten betreffend. Als er nämlich bei einer lyrisch-melodischen Gitarrenpassage der Band die Bühne erklomm und sich kurz darauf von selbiger stürzte, ereignete sich etwas, mit dem Klaus-Jürgen am allerwenigsten gerechnet hatte: nämlich gar nichts. Bis auf den Kiefernbruch, versteht sich.

Der aufmerksame Leser ahnt es längst: Klaus-Jürgen H. hatte das Publikum an diesem Abend mit nichts anderem überfordert als dem ersten stagediving jenseits des Eisernen Vorhangs – und er musste diese Pioniertat teuer bezahlen. Glücklicherweise drückte Stasi-IM Jochen K. genau in diesem Moment auf den Auslöser seiner Knopflochkamera, mit der er normalerweise die Ohrläppchen der hübschen Studentinnen in der ersten Konzertreihe fotografierte. Nicht ganz korrekt seinem Dienstauftrag folgend. Über mir leider nicht näher bekannte Umwege gelangte das Bild in unser Archiv und sei euch nicht länger vorenthalten:

Der erste Stagediver der DDR:

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Klaus-Jochen H. ist heute übrigens plastischer Chirurg in einem Privatkrankenhaus im Breisgau.
Die Band erlangte später unter einem leicht abgewandelten Namen, ohne Pianosoli und mit neuem Friseur gewisse regionale Bekanntheit.
Jochen K. wechselte nach der Wende Arbeitgeber, Klar- und Tarnnamen und fotografiert seitdem Zahnlücken von Renées auf illegalen Skinhead-Konzerten.

So, und jetzt ist Wochenende.

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