/ Autor: torstenreitler

Wie ich konferierte, kulturvoll

Das war ja mal eine Einladung, die zur Kulturkonferenz â??living culture â?? Bedeutung von Kultur an Wirtschaftsstandortenâ??. Eingeladen hatten das Unternehmen PC-Ware und die Stadt Leipzig um â??das Projekt KULTURMESSE LEIPZIG aus der Taufe zu heben. Ziel dieser Messe ist es, die immense Vielfalt, Kreativität und Kraft, die in der Leipziger Kulturszene steckt, sichtbar sowie im besten Sinne für die Wirtschaft und die Menschen nutzbar zu machen.â??
Ich war da.

Zuerst: Ich hatte mich auf die Einladung gefreut. Hatte ich doch noch ein Interview im Ohr, welches Dr. Knut Löschke, seines Zeichens Geschäftsführer von PC-Ware und Gastgeber der Kulturkonferenz, im Januar dem Radiosender Mephisto 97.6 gegeben hatte. Besonders einprägsam ich seine Antwort auf die Frage: â??Wie stark fühlen Sie sich dem Standort Leipzig verantwortlich?â?? Knut Löschke antwortete wörtlich: â??Ã?berhaupt nicht. Ein Unternehmer hat überhaupt keine Verantwortung in der Region, ein Unternehmer hat überhaupt keine Verantwortung für das soziale Gefüge in einer Region, ein Unternehmer hat nur die Verantwortung für sein Unternehmen. Also das Wort Verantwortung können Sie wegstreichen. Ich will die Region nicht voranbringen, ich will PC-Ware voranbringen.â??

Ich war also gespannt.

Und ich wurde nicht enttäuscht. Zur Atmosphäre in der Alten Börse, wo das ganze stattfand, nur soviel: Ich gehörte zu den Wenigen unter den knapp 200 Anwesenden, die keinen grauen Anzug trugen. Ich habe als Mittdrei�iger den Alterschnitt im Raum um lockere 10 Jahre unterschritten. Die angereisten Mitglieder der State Legislative Leaders Foundation (eine Organisation amerikanischer Senats-, Kongress- und Vizepräsidenten, wenn ich das recht verstanden habe) und die anwesenden Wirtschaftsvertreter dürften ein Privatvermögen von plusminus 50 Millionen Euro repräsentiert haben. Ein gefundenes Fressen für die Leipziger Kulturszene. Könnte man meinen.

Dann kamen die Redner. Knut Löschke begrü�te, Feuer und Flamme für Leipzig und dessen Kultur. War zu erwarten.

Danach Dr. Girardet. â??Gewandhaus, Forum Thomanum als â??wichtigste Kulturinitiative Leipzigsâ??, Leipzig als Stadt des Bürgertumsâ??. Kulturbegriff klar umrissen.

Hiernach das Violincellotrio Cello Con Fuoco. Dr. Knut Löschke bat die Leiterin Juliane Opitz, die Musik doch bitte selbst vorzustellen, er â??stehe da nicht so in der Materieâ??. Sie tat es und wurde dafür beim zweiten Auftritt von Herrn Löschke empfangen: â??BegrüÃ?en Sie mit mir noch einmal die Musikanten â?? darf ich Musikanten sagen? – â?¦ Frau Juliane Opitz litt sichtlich, ich auch. Verabschiedung des Musikfreundes Löschke schlieÃ?lich: â??Ja, was soll ich sagen. Einfach schöne Musik!â?? Genau.

Der Vizepräsident des Sächsischen Landtages durfte auch reden, nuschelte etwas von â??Menschen in ihrer bunten Vielfaltâ?? und bot den Glauben an Gott als Kultur an. Zum Schluss wünschte er den Kollegen Vizepräsidenten aus Ã?bersee noch einen â??Schönen Aufenthalt in Dresdenâ??. Allgemeine Heiterkeit, die Herrn Vizepräsident Hatzsch erklärt werden mussteâ?¦

Tja, und dann kam des Pudels Kern, nämlich der Auftritt von Frau Petra Löschke. Zuständig für â??Social Affairsâ?? im Unternehmen PC-Ware und nebenberuflich Ehefrau des Geschäftsführers. Es stellte sich heraus, dass die Kulturmesse ihre Idee gewesen war und sie wäre ja so aufgeregt. Was sich das ob der herzerfrischenden Unbefangenheit von Frau Löschke gebannt lauschende Publikum unter einer Kulturmesse vorzustellen habe, umriss sie mit folgenden Worten: â??Alle, die in Leipzig Kultur und Kunst machen, kommen an einem Tag und an einem Ort zusammen und stellen sich an Ständen vor. Der Leipziger und die Besucher von überallher stellen sich dann ihr Kulturprogramm für das nächste Jahr zusammen und erleben die bunte Vielfaltâ?¦â?? Nein, letzteres war Herr Vizepräsident Hatzsch.

Alles weitere kann kurz zusammengefasst werden: Herr Peter Claussen stellte in einem Vortrag von gefühlten dreieinhalb Stunden die Kunstliebe seines Unternehmens BMW vor und vergaÃ? nicht zu erwähnen, wie einst eine â??jammernde Ann-Elisabeth Wolff vor meiner Tür standâ?? und um finanzielle Unterstützung für die euro-scene betteâ?¦ . Nein, ich glaube, er sagte: bat. Frau Heike Fischer, die ihr Brot als Pressesprecherin der Leipziger Messe verdient, zeigte einen schönen Film von der Langen Leipziger Lesenacht in der Moritzbastei letztes Jahr und Herr Dr. Gernot von Grawert-May machte das Publikum mit seinen Heldentaten als Retter Brüsseler Gobelins in der ganzen Welt vertraut.

Die Diskussion begann mit Wortmeldungen zum Thema â??Die bösen Schlagzeilen in der LVZâ?? und â??Nazizeit und DDR zu vergleichen, ist gemeinâ??.

Hatte ich genug gehört? Ich hatte.

Interessanterweise las und hörte ich trotz zahlreich surrender Kameras, vielen Mikrofonen und blitzenden Fotografen nicht allzu viel an Presseberichten über die Veranstaltung. Merkwürdig. Bei diesem bahnbrechenden Vorhaben. Das übrigens im nächsten Jahr wiederholt werden soll. Ich freue mich auf die Einladung…