/ Autor: torstenreitler

Das Wort zum September

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Jeden Monat hat unser Programmheft ein Editorial. Ein Wort zum Monat eben. Für alle, die nicht in Genuss unseres analogen Programms kommen, gibt es dieses ab sofort hier zum mitlesen und kommentieren.

Ganz schön grass, der Günther. Wie konnte der Mann, der die „Blechtrommel“ schrieb und danach mit zunehmender Vernationaldichterung noch einiges an Blech mehr, das tun? Ganz einfach: indem er es getan hat.

Wenn er den „Skandal“ tatsächlich kalkulierte, wird er jetzt wohl zu Hause sitzen und sich freuen, dass alle exakt so blöd sind, wie er es sich vorgestellt hat. Sein Buch verkauft sich. Bei den Leuten, die ihn vorher schon doof fanden (und er sie wahrscheinlich auch), hat er noch einmal das Herzinfarktrisiko erhöht. Er weiß ja, womit er sie aufregen kann…

Blöd dran sind nur diejenigen, die jetzt „enttäuscht“ sind. Dass nun ihre „moralische Instanz“, ihr „öffentliches Gewissen“ ihren Arbeitsplatz verloren hat, trifft sie schwer. Das selbst Denken und Moral beweisen hat halt nie zu ihren Stärken gehört, weswegen sie es ganz praktisch fanden, diese unangenehme Aufgabe an jemanden wie Grass zu delegieren. Nun können diese Moralüberweiser noch froh sein, dass er nur zugegeben hat, bei der Waffen-SS gewesen zu sein. Es hätte sie viel schlimmer treffen können, wenn der grasse Günther Gedichte für die Stasi geschrieben hätte, zum Beispiel. Zum Foltern von Delinquenten hätten sie sich jedenfalls bestens geeignet.

Marcel Reich-Ranicki, der ja bewies, was er von Grass hält, indem er ihn zum „größten lebenden Sprachkünstler der deutschen Prosa“ verurteilte, macht jedenfalls das einzig Richtige. Er sagt zur Abwechslung mal gar nichts. Weder über Grass, noch über sein Buch. Eine weise Entscheidung…