/ Autor: torstenreitler

Der 4. Leipziger Rockwettbewerb 1994

Lange nichts passiert in dieser Kategorie. Sogar ein weiterer Bandwettbewerb, der des Jahrgangs 2011, hat inzwischen seine Sieger gefunden. Es gab und gibt wichtigeres, aber ein wenig weitergeschrieben soll die Geschichte hier doch noch.

Dass die 90er Jahre im neuen Osten Deutschlands etwas von einem riesigen Missverständnis hatten, klang in den bisherigen Rückblicken schon an. Das Werte- und Orientierungsdefizit kam auch darin zum Ausdruck, was die Bandszene damals produzierte. Viel Nachgeholtes, Abgeschautes, Unkonkretes. All die Stile, Themen und Haltungen aus der Kunst- und Musikszene, die nach 1989 nach Leipzig strömten, fanden ihren Niederschlag und verbanden sich mit der Nabelschau der hiesigen Musiker. Nichts von diesen Momentbeschreibungen hat sich als bleibend herausgestellt.

In der Siegerband B-Side The Norm finden sich alle angesprochenen Phänomene wieder. Die Gruppe um Mastermind Opossum bestand aus Autodidakten, Studenten der Musikhochschule (Teile der Backingband waren schon bei The Cooks und Dubone, der 1993 in einem Moment grässlichster Geschmacksverirrung den Rockwettbewerb gewann) und einem kleinkriminellen Rapper. Sie spielten HipHop, der damals trotz oder auch wegen des Erfolges der Fanta4 noch nicht im Mainstream angekommen war. 
Der Anspruch, HipHop mit Liveband zu spielen war damals auf jeden Fall der Zeit voraus, wie auch der Mut zu deutschen Texten. Gleichzeitig lagen in diesen beiden Umständen auch die größten Schwächen von B-Side The Norm. Die ghetto attitude der Lyrics wirkte schwer bemüht, was man leider auch verstehen konnte. Und die Musiker konnten ihr antrainiertes Hochschulwissen nicht straßentauglich umsetzen.

Mit einem Track allerdings haben sie 1994 wirklich Eindruck hinterlassen, nämlich mit „HipHop in der DDR“. Das Arrangement ist unentschieden, der Text holpert ambitioniert, die Produktion low fi. Vielleicht bringt das Stück gerade deswegen viel vom damaligen Zeitgeist herüber.

Als heißer Kandidat wurde 1994 auch Sergeant Weißflog gehandelt. Die Besetzung mit zwei Bässen lies aufhorchen, der Einfluss von Faith no more und den Lokalhelden von T.A.M. war ebenso zu hören wie die Wave-Vergangenheit von Gitarrist Raimo und Bassist Rüdi bei Believe in Falter. Ihr Tape verkaufte sich 1994 bei Schall und Rausch, DEM Plattenladen, wie geschnitten Brot (lag vielleicht auch daran, dass Sgt.WF-Bassist Nr. 2 Markus dort arbeitete). Die Songs kreisten um die größte Leidenschaft der Band: Computergames. Ihr Szenehit „I play god“ gehörte damals trotzdem zum heißesten Scheiß around.
Dass Robert seinen zappeligen Drumstyle dahin entwickelte, dass er zum Pionier (und nach langen Jahren community building zum Veteranen) des D´n´B-movements in Leipzig wurde, ist nicht wirklich überraschend.

Sergeant Weißflog: I Play God
[audio:https://mb.1000grad-digital.de/backstage/mb/picpool/music/Iplaygod.mp3]

Zur nächsten Combo sei Stefan Maelck zitiert, der damals als Beobachter für den Kreuzer beim Finale dabei war: „Dann Unicyleman, die durchgeknallteste, intelligenteste und witzigste Show des Abends. … Unicycleman schenken den Menschen Anrecht auf Gehirn wie ein Theateranrecht – Visionäre des Abends!“. Peter A. Bauer, Bert Röhner und Hendrik Gundlach präsentierten ihre audiovisuelle Show zwischen Techno, minimal music und Monthy Python. Comics auf Diagroßprojektion und ein Macintosh als Instrument auf der Bühne, das war für die meisten im Publikum eine echte kulturelle Herausforderung. Aber so weit die Performance ihrer Zeit auch voraus gewesen sein mag – die Clubber stolperten über die bewusst infantilen Texte, die Woody-Allen-Versteher im Publikum konnten nicht tanzen und für alle, die den Rockwettbwerb wörtlich nahmen, war das natürlich keine handgemachte Musik und somit inakzeptabel. Das Protokoll vermerkt einen 5. Platz für Unicycleman. Das sollten sie zwei Jahre später locker toppen.

[mygal=lrw1994]

Korus Hades nannte sich meine damalige Band. Unser 25-Minuten-Auftritt endete in einem All-No-Stars-Finale, bei dem (Ex)-MusikerInnen von Messer Banzani, den Vergessenen Kindern, Scandalous Smile und Unicycleman gemeinsam in einem Dub die Regierung stürzten. Das Publikum nahm es zur Kenntnis. Zweiter und letzter Versuch für Korus Hades beim Rockwettbewerb, aber ich hatte noch nicht genug…

Den zweiten Platz in der Jurywertung belegten White Noise. Musikalisch eine Mischung aus den Stereo MCs und dem damals in Leipzig alles beherrschenden T.A.M.-Sound, am Schlagzeug Hendrik „Enne“ Meyfahrt. Dessen musikalische Laufbahn begann unter anderem beim Schwarzen Kanal und Snuff your feet und trug ihn später in recht eigentümliche Gefilde, wie man hier sehen kann:

Von ihrer Bühnenshow ist mir vor allen Dingen das unglückliche Händchen bei der Auswahl der Background-Sängerinnen im Gedächtnis geblieben. Es kann eigentlich nicht sein, aber visuell habe ich zwei Ausgaben von Jasmin Graf vor meinem inneren Auge. Es könnten aber auch zwei Miss Piggys gewesen sein…

White Noise: Wonderful experience
[audio:https://mb.1000grad-digital.de/backstage/mb/picpool/music/wonderful experience.mp3]

Bleibt noch zu erwähnen, dass Hendrik Gundlach nicht nur mit Unicycleman, sondern auch seiner eigenen Band Undercops auf der Bühne stand. Mit ihrem von Beatles und den 60s überhaupt inspirierten Gitarrenpop gefielen sie der Jury sogar besser als Unicycleman. Dazu waren noch Massala (hier spielte später Hendrik Nawrath nach den Vergessenen Kindern und Korus Hades den Bass) und Semba Two ins Finale gewählt worden. Deren Musik lag irgendwo zwischen african roots und Reggae. Klänge, zu denen damals wie heute auf jeder Studentenparty getanzt wird, die sich aber nicht weiter ins Gedächtnis einbrennen.

Nachhören kann man den musikalischen Zeitgeist auf einem Sampler, den die IG Pop zum damaligen Rockwettbewerb veröffentlichte. Dabei merkt man schnell, das Jahr 1994 war für die Leipziger Szene nicht unbedingt ein wegweisendes. Doch damit sollte der Jahrgang `94 nicht alleine bleiben…