/ Autor: torstenreitler

Der 3. Leipziger Rockwettbewerb 1993

Ein Rockwettbewerb im dritten Jahr in Leipzig. Na, schon jemandem langweilig?

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Im Jahr 1993 eine Leipziger Band des Jahres zu wählen war ein interessantes Unterfangen. Es gab eine Handvoll Bands, die klar die Szenerie beherrschten. Zu allererst Die Prinzen. Die landeten 1993 sowohl mit ihrem dritten Album als auch mit der gleichnamigen Single Alles nur geklaut auf Platz vier der deutschen Charts. Danach kam lange nichts, zumindest wenn man Erfolg im damals noch recht althergebrachten Musikbusiness als Maßstab anlegt. Ein paar Etagen darunter, aber immerhin noch mit regulären Veröffentlichungen und relevanten Verkaufszahlen, rangierten Die Art. Die Band legte mit Gift ein Album vor, welches in Bezug auf die Bandkarriere seinem Namen alle Ehren machte. Das Depeche-Mode-Cover „Stripped“ wurde wie die gesamte Platte von ihren Fans eher verstört zur Kenntnis genommen.

In ähnlichen Verkaufsregionen wie Die Art dürften sich die damaligen Senkrechtstarter von Think About Mutation bewegt haben, deren 1993er Debütalbum Motorrazor dem Verstörungspotential von „Gift“ nichts nachstand. Furchtbar überproduzierte EBM-Sounds verkleisterten die klare Struktur des „Housebastards“-Tapes. Die Nachricht von ihrer Show als Support von Depeche Mode auf der Festwiese galt als Sensation. Das Konzert selbst war eher ernüchternd, Music for the masses haben dann doch die Headliner des Abends um einen herrlich zugedröhnten, langhaarigen und allgemein recht ungesund ernährt wirkenden Dave Gahan zelebriert.

Damit noch nicht genug, auch Messer Banzani waren 1993 noch eine feste Größe mit enormer Fanbasis in Leipzig und darüber hinaus. Auch, wenn sie mit ihrem Album Skagga-Yo den Weg in die Nische schon eingeschlagen hatten, indem sie sich verstärkt elektronischen Sound zuwendeten. Der Zug ging weg vom Two-Tone-Ska in Richtung Dancehall und HipHop und Ragga. Auch hier verunsicherte Fans – die Rudeboys und Skins aus Connewitz hatten Schwierigkeiten, diesem Weg zu folgen.

Auch Up in Arms wurden heiß gehandelt im Jahr 1993. Das Projekt um Ex-Mitglieder von Defloration, L´Attentat, Der Schwarze Kanal und der Hardcore-Spaßvögel Die Moosbären und Shouter York legte einen Sound vor, seit dem RATM Debütalbum 1992 allerorten für Bewegung im Moshpit sorgte. Ähnlich wie T.A.M. hatte Up in Arms ein unglaubliches Standing in der Hardcore-Szene rund um ZORO und Conne Island, wenngleich sie keinerlei Tonträger anzubieten hatten.

Up In Arms: Apartheid
[audio:https://mb.1000grad-digital.de/backstage/mb/picpool/music/Up In Arms Apartheid.mp3]
(c) Hinweis.
(vom Sampler Ich bin kein Star, aber ich kann fliegen)

Lange Vorrede, kurzer Sinn: Beim 3. Leipziger Rockwettbewerb wurde maximal ein Meister der zweiten, dritten oder gar vierten Liga gesucht. Die „Bands des Jahres“ standen nicht am Start, soviel war mal klar.

Was von diesem Jahrgang bleibt, sind Anekdoten. Ich stand beim Finalabend selbst mit KORUS HADES auf der Bühne und kann mich nicht einmal daran erinnern, in welcher Besetzung wir aufgetreten sind. Hatten wir noch unser Vierspurgerät dabei, das ein Drumloop rückwärts abspielte und von Peter bei jedem Stück so gepitcht wurde, dass wir unsere Songs darauf dilettieren konnten? Das nannten wir dann krautadelic breakfloor… Oder haben wir schon die Stücke gespielt, die wir mit Hendrik in einer alten Sperrholz-Baubude aufgenommen hatten, die damals am Haus Auensee das erste APEX-Studio nebst Instrumentenladen bildete? Unsere Coverversion von Albert Hammonds Southern California muss hier gespielt werden, soviel Eitelkeit sei gestattet.

Korus Hades: Es regnet nie in Halle-Neustadt
[audio:https://mb.1000grad-digital.de/backstage/mb/picpool/music/Es regnet nie in Halle-Neustadt.mp3]

Apropos Hendrik. Er durfte an diesem Abend seine lange Karriere beim Rockwettbewerb beginnen. Ob er 1993 schon Mitglied bei UNICYCLEMAN war? Mit den UNDERCOPS spielte er seinen unaufgeregten Gitarrenpop. Vielleicht war dies auch die erste von einigen Formationen, die außerhalb des Rockwettbewerbes kaum oder nie Konzerte spielten. Hier ein paar Songs und Bilder auf ihrer Myspace-Seite.

UNICYCLEMAN waren 1993 auf jeden Fall noch mehr Avantgarde-Elektro als Elektro-Pop. Jörg Augsburg bescheinigte ihnen in der Kreuzer-Ankündigung „herbe Texte“, was ihren Sinnverdrehungen a la Der Plan oder Foyer des Arts eher weniger gerecht wurde. Ihr Sound orientierte sich noch stark an Steve Reich und Philip Glass, ihre Pet-Shop-Boys-Phase kam erst später. Man hört es noch gut in „Aus der Luft“, einer Interpretation von Laurie Andersons „From The Air“.

Unicycleman: Aus der Luft
[audio:https://mb.1000grad-digital.de/backstage/mb/picpool/music/Aus der Luft.mp3]
(c) Hinweis
(vom Sampler Ich bin kein Star, aber ich kann fliegen)

Humor hatten sie auf jeden Fall damals schon. Bei INDIGO BLUE stellt sich der Schmunzeleffekt dagegen erst ein, wenn man die weitere Karriere der damaligen Frontfrau betrachtet. Ja, sie singt auch heute noch, allerdings nicht mehr „wie Bobo oder die Rainbirds“ (Kreuzer), sondern eher so:


Mo Krüger – Sone und Mond – MyVideo

Der Bassist von von Indigo Blue verirrte sich später hierhin. Heute findet man ihn hier, den Gitarristen hier.

TEN COLORS
galten 1993 als die zweitbesten Messer Banzani. Auch hier verlässt mich die Erinnerung, ob Mike Stolle schon als Drummer dabei war. Bei Messer spielte er damals Bass, was jedenfalls dieses Video andeutet. Parallel zum langsamen Verschwinden der Messer erarbeiteten sich Ten Colors in den folgenden Jahren ihren Ruf als beste Reggeaband der Stadt mit durchaus deutschlandweitem Erfolg und mehreren Alben.

Ten Colors feat. Leander Topp

Ziemlich müde wird meine Erinnerung bei SNUFF YOUR FEET. Die spielten Metal oder Hardcore und hatten offensichtlich Spaß dabei. Heavyette sollte noch Gitarrist gewesen sein. Drummer Enne, der zum Line-Up des allerersten T.A.M.-Konzert gehörte, tauchte beim Rockwettbewerb 1994 wieder bei WHITE NOIZE auf. Zu SATYR möchte ich dringend noch einmal Jörg Augsburg und den Kreuzer zitieren: „Es ist wohl nicht übertrieben, diese Band als Entdeckung oder Überraschungserfolg zu kennzeichnen. Eigenwillige, sehr originelle und ungewöhnliche Songs lassen aufhorchen und schleichen sich ob ihrer seltsamen Popqualitäten sofort in die Gehörgänge.“ Meiner Erinnerung nach war das ganz furchtbarer Mittelalterquark mit Narrentanz und Barfusstrommeln. Keine Ahnung, ob das Auge ironisch gemeint hat oder ob das einer seiner allseits beliebten Ausrutscher war…
Wenn mich nicht alles täuscht, gibt es auch noch eine Webpräsenz von SATYR. Ob es das Projekt noch gibt, entzieht sich meiner Kenntnis.

Ach ja, einen Gewinner gab es auch. DUBONE. Ein Erzgebirgler verkleidete sich als James Brown, scharte die Reste der COOKS und ein paar Hochschulstudenten um sich und did the funk. Das war furchtbar professionell, roch nach Schweiß und groovte, wie es im Handbuch des kleinen Blackmusicapolegeten vorgegeben wird. Es war beeindruckend. Öde.

Interessant ist, dass Teile der Backingband immer wieder im Wettbewerb auftauchten. Bassist Franz Schwarznau schaffte es sogar, mit drei (oder sogar vier?) Bands den Rockwettbewerb zu gewinnen. Überhaupt, der Kerl hat schon in so vielen Leipziger Projekten mitgewirkt, das ist schon gar nicht mehr wahr.

Verständlich wird diese Jurywahl eigentlich nur, wenn man sich die Qualität der anderen Projekte vor Augen hält. Bei DUBONE stimmte das Handwerk, wenn auch ansonsten nichts. Bei allen anderen war das Wollen deutlich größer als das Können. Man kann den Jahrgang 1993 ohne Probleme in die Tiefen der Archive zurücksinken lassen. Die interessanteren Projekte und Musiker werden in den nächsten Jahren mit weitaus erinnerungswürdigeren Darbietungen beim Rockwettbewerb auftauchen…