Alle Artikel in der Kategorie “Trans Europe Halles

/ Autor: torstenreitler

Gärtnern als Kulturmanagement

Ladies and Gentlemen, the 79th meeting of Trans Europe Halles at Manifatture Knos in Lecce, Italy, is officially closed.

Das Video entstand bei einer Radtour durch die Halle der MK. Die Räder wurden von der Universität und der Kommune zur freien Verfügung gestellt, sehr feiner Zug! Im Laufe der Tage änderte sich das Innenleben der Halle, je nach Nutzung. Im Alltagsbetrieb ist die Manifatture eher Kreativraum mit Werkstätten und Proberäumen, als Veranstaltungszentrum. Auch die Bar ist temporär. Und illegal, wie auch die Stromversorgung und die Nutzung des riesigen Parkplatzes auf dem Gelände. Wobei illegal meist bedeutet, dass sich niemand zuständig fühlt und es in Anbetracht der italienischen Bürokratie keinerlei Aussicht auf Erfolg hat, kurzfristig Genehmigungen zu erhalten. Oder mittelfristig. Oder überhaupt.

Asfalto, mon amour

Das zweite Video ist auch bei einer Radtour entstanden. Der riesige Parkplatz, der zum alten Fabrikgelände gehört, war Teil des Workshops „Asfalto, mon amour“. Leiter und Ideengeber war Gilles Clement, der seine Gartenphilosophie der „dritten Landschaften“ schon in verschiedenen europäischen Städten umgesetzt hat. Kurz gesagt geht es darum, an von Menschen nicht mehr oder nicht mehr in der ursprünglich vorgesehenen Verwendung genutzten Orten Gärten anzulegen. Wobei es nicht um ein plattes „Zurück zur Natur“ geht, sondern darum pflanzliche Artenvielfalt an von Menschen gestalteten Orten zu ermöglichen und beides sichtbar zu machen. Viele Pflanzenarten werden durch industrielle Landwirtschaft und Städtebau aus ihrer natürlichen Umgebung verdrängt und können an solchen „verlassenen Orten“ eine Nische zum Überleben finden. Also hieß es an drei Tagen: Asphalt abtragen, Mutterboden auffüllen, pflanzen. Das Ganze wird danach mehr oder weniger sich selbst überlassen – die Natur hat die Möglichkeit, sich auszubreiten und der Mensch muss schauen, wie er damit umgeht.

Das Motto „terzo luogo“ (dritte Orte) als „spaces of indecision“ (Plätze für das Unentschiedene) war Leitthema des Meetings von Trans Europe Halles. Gärtnerarbeit als Vorbild für Management. Klingt ein wenig esoterisch; ich muss zugeben, dass ich ein paar Schwierigkeiten damit habe, daraus Anregungen für meine Arbeit zu nehmen. Klingt überzeugend: Raum schaffen für Wachstum, Interaktion ermöglichen, nicht den Garten den Vorstellungen anpassen sondern die Vorstellung den vorgefundenen Pflanzen und der Landschaft… Aber Mitarbeiter und Organisationsstrukturen verhalten sich selten wie Pflanzen. Entscheidungen und Entwicklungen in Kulturorganisationen richten sich nicht nach Sonne, Regen und Jahreskreis. Die Geschwindigkeit ist höher. Meistens.

Für mich waren das Wichtigste wieder Gespräche mit Kulturmachern, die ganz ähnliche oder völlig andere Sorgen umtreiben. Zu schnelles Wachstum, Besucherrückgang, Überalterung des Teams, politische Repression, finanzielle Schwierigkeiten, kreative Ansätze für neue Spielstätten, kulturelle Bildung. Was eben so passiert in Esch, Zilina, Vilnius, Prag, Verona, Ebeltoft, Lund, St. Petersburg, Paris, London, Berlin. Und Leipzig.

Das nächste Treffen wird im November in Budapest im Bakelit Multiart Centre stattfinden, gleichzeitig mit dem Jahrestreffen des europäischen Theaternetzwerkes IETM, und da wird es wahrscheinlich viel um Politik gehen.

Bilder habe ich auch mitgebracht. Wer mehr sehen möchte, dem sei der Hashtag #tehmeeting79 ans Herz gelegt.

Für jeden Teilnehmer gab es eingelegte Peperoni.Ein schönes Willkommen in der Manifatture Knos!Dichter Radverkehr in der Halle.Manifatture KnosNeue Pläne für Trans Europe HallesBei 28 Grad an den ersten Tagen waren Schattenplätze sehr beliebt.3D-Drucker und Laserfräse - alte Maschinen und moderne Technik im Einklang.Gedränge an der Fahrradausleihe. Im Vordergrund die Fahrradskulptur von Karl Halström aus Fengersvoss.Im Kräuterbeet.Grafitto in der Halle.Im alten Steinbruch am Stadtrand gedeiht eine Herinspaziert!Vorbereitungen für die Performance Das Motto des 79. TEH Meetings.Dritte Landschaft, allerdings der unschönen Art.Rund um Lecce: Ausgedehnte Olivenhaine mit steinalten Bäumen.Busy working.Das Eröffnungsmeeting.La dolce vita.Michele Bee stellt die Geschichte der Manifatture vor. Auf dem Bild: Lehrlinge aus den 1970er Jahren.Gilles Clement.Auro Foxcroft, President of TEH a.D.Vorbereitung des Gartenworkshops.Gärtnern als Kulturmanagement.Gärtnern im Bengaloschein. Sowas gibt es wohl nur in Italien.Einfach schön.Die Wand für Nachrichten für die Tagungsteilnehmer wurde fleißig... genutzt.Welche Projekte werden im Netzwerk als nächstes gestartet? Das Action Lab ist die Projektküche von TEH.Mein Lieblingsgraffitto in der Manifatture. The kids are alright.General Assembly, Höhepunkt und Abschluss des offiziellen Treffens.
/ Autor: torstenreitler

Platz für das Unentschiedene

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Im letzten Beitrag hatte ich ja angedeutet, dass wir uns Gedanken über die Zukunft der Moritzbastei machen. Im Moment bin ich in Apulien in Lecce. Hauptsächlich, um am 79. Meeting von Trans Europe Halles teilzunehmen. Nicht ganz nebenbei gibt es eine fette Dosis Inspiration. Das Treffen hat das Motto: „Spaces of indecision“ und die Einleitung gibt gleich mal reichhaltige Gedankennahrung:

„Was würde passieren, wenn die Manager aller Kulturzentren in Europa auf einen Schlag verschwänden? Kann Management durch etwas anderes ersetzt werden, wenn es nicht länger gebraucht wird?

Zu organisieren heißt, alles zu planen und keinen Platz zuzulassen für das Unvorhersehbare, oder bedeutet es, die besten Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass etwas Unerwartetes stattfinden kann? Wie würden wir handeln, wenn minimale Planung die beste Grundlage dafür wäre, um Platz für Spontaniteit zu lassen, ohne dass alles in Chaos versinkt? Können wir uns einen Ort vorstellen, den jeder nutzen und frei verändern kann, ohne dass dabei nur die Stärksten überleben? Wie wird der Freiraum für das Unentschiedene politisch gewürdigt?“

Gemeinsam mit über zweihundert Menschen aus ganz Europa und Italien (darunter auch Michael Arzt als Vertreter der Halle 14, die wie die MB Mitglied bei TEH ist),beschäftige ich mich für fünf Tage mit diesen Fragen. Für deutsche Ohren mag diese Herangehensweise sehr südeuropäisch klingen, auch die Moritzbastei ist sicher kein Ort, der vie Raum für Unerwartetes zulässt. Wir sind im Gegenteil stolz auf unsere Professionalität und die Gewissheit, dass wir unseren Betrieb wirtschaftlich und nach unseren Vorstellungen nachhaltig gestalten.

Es wird weniger Seminare und Workshops geben, wie sonst bei TEH-Meetings. Diesmal werden verlassene oder nicht mehr genutzte Orte gemeinsam in „dritte Landschaften“ verwandelt. Das heißt, wir geben einem alten Parkplatz, einem verwilderten Steinbruch und einem nicht mehr genutzen Shoppingcenter in der Innenstadt einen neuen Sinn. Für einen Tag, eine Woche oder für immer? Wer weiß das schon, das bleibt unentschieden.

Ganz nebenbei werden zwei große mehrjährige Projekte auf europäischer Basis angeschoben, die sich mit dem Thema „Ökonomische Stabilität von Kultureinrichtungen“ befassen, „Creative Lenses“ und „Grand Europe Central“. Nicht zuletzt wird am Samstag ein neuer Vorstand gewählt, dem ich dann nach vier Jahren Mitarbeit nicht mehr angehören werde.

Auf tumblr, instagram und facebook könnt ihr bildlich verfolgen, was in den nächsten Tagen in Lecce passiert. Die folgenden Hashtags befüttere ich auch fleißig:

#tehmeeting79 #teh79people #teh79vision #teh79dolcevita

/ Autor: torstenreitler

War, children, it´s just a shot away

getout

Die Ukraine hat einen neuen Präsidenten. Präsident Putin steht wieder zwischen Präsident Obama und Kanzlerin Merkel, wenn auch noch mit Anstandsabstand. Also alles halb so wild in der Ukraine?

Wohl kaum. Wie unkontrolliert der Konflikt ist wie schnell man einen ganz persönlichen Bezug dazu bekommt, hat uns die folgende Nachricht gezeigt.

Am Vormittag des 9. Juni wurde das IZOLYATSIA, das einzige unabhängige Kulturzentrum in Donetsk, von pro-russischen Separatisten der „Volksrepublik Donetsk“ besetzt und zum militärischen Hauptquartier dieser selbst ernannten und von keiner Seite legitimierten Kämpfer erklärt. Izolyatsia ist eines der Mitgliedszenten im europäischen Netzwerk Trans Europe Halles, in dem auch die Moritzbastei neben 50 anderen Zenren aus 30 europäischen Ländern vertreten ist.

Mikhail, der vor kurzem sein Zentrum in Paris beim Europeanlab vertrat, schrieb uns per Email, dass niemand bei der Besetzung verletzt wurde, aber einige seiner Kollegen auf dem Gelände festgehalten wurden, nicht telefonieren durften. Im Moment ist die Situation von IZOLYATSIA völlig unklar. (Update am Ende des Artikels)

mikhail

Birgitta Persson (TEH Generalsekretärin, l.) und Mikhail in Paris mit dem Beitrag der Liberation über Izolyatsia.

Natürlich könnte man sagen, in Anbetracht der immer wieder aufflammenden Kämpfe, der wirtschaftlichen und tiefen gesellschaftlichen Krise ist die Besetzung eines Kulturzentrums durch Paramilitärs eines der nachrangigen Probleme. Wir als Moritzbastei denken, dass gerade in solchen Konflikten unabhängige und kulturelle Einrichtungen eine wichtige Funktion haben. Wenn sie verschwinden, verlieren Menschen nach und nach die letzten Möglichkeiten und Freiräume, die Auswirkungen dieses gesellschaftlichen Dramas zu teilen und zu verarbeiten.

Alles, was wir von hier aus tun können, ist unsere Solidarität mit IZOLYATSIA auszudrücken und den Rückzug der Militärs vom Gelände des Kulturzentrums zu fordern. Da eine solche Nachricht unterhalb des Radars der „großen“ Medien liegt, bitten wir euch, diese Information zu teilen und zu verbreiten. Wenn es auch nicht viel ist, wollen wir unseren Kollegen in Donetsk zeigen, dass sie nicht allein sind und nicht vergessen.

THE DPR OCCUPIES CULTURAL CENTRE IZOLYATSIA IN DONETSK (Pressemeldung Trans Europe Halles, engl.)

Update: Diese Nachricht wurde gestern auf boingboing.net veröffentlicht. Das Gelände wurde weitestgehend geräumt, allerdings bleibt die Situation angespannt.

Kontakt Izolyatsia:

izolyatsia.org | info@izolyatsia.org | facebook.com/IZOLYATSIA | vk.com/izolyatsia | twitter.com/izolyatsia | vimeo.com/izolyatsia | instagram.com/izolyatsia
communication manager Alesya Bolot: +38 050 70 90 645, alesya.bolot@izolyatsia.org

/ Autor: torstenreitler

Das müssen wir schön selber tun

Die Zukunft ist auch nicht mehr, was sie einmal war.

Das war das Motto der zweitägigen Konferenz in Amsterdam, die sich mit Chancen und Risiken von Kulturprojekten im Europa von heute beschäftigte. Von der Moritzbastei waren gleich vier Kollegen vor Ort, denn erstens versprachen die angebotenen Workshops viel und zweitens waren wir als Mitglieder von Trans Europe Halles quasi Mitveranstalter.

Es ist immer wieder eine tolle Inspiration, sich an einem Ort und so intensiv mit Menschen aus so vielen Ländern austauschen zu können über ihre Erfahrungen mit Kunst und Kultur, zwischen den Wirrnissen von Bürokratie und Politik. Trotz der so unterschiedlichen Bedingungen in Sachen Finanzierung, Politik und Bürokratie einigt doch fast alle ein außerordentlicher Enthusiasmus und die Neugier auf die Welt hinter dem eigenen Tellerrand. Die fünf Tage, die ich in Amsterdam verbracht habe, waren so angefüllt, dass ich stundenlang hier schreiben könnte. Da ihr aber nicht so viel Zeit haben dürftet, gebe ich meine Eindrücke mal stenografisch wieder.

Keine Zukunft ohne Internet. Das kolportiert seit einigen Jahren,  Winston Churchill habe auf die Frage, warum er in Kriegszeiten nicht die Kuntsförderung einstellen und die Mittel für Kriegszwecke verwenden würde, wie folgt geantwortet: „Then what are we fighting for?“
So schön die Antwort ist, so wenig hat Churchill sie jemals gegeben. Die beste Bemerkung dazu kam übrigens von Moukhtar Kocache während seines Abschlussvortrages: „When culture has to quote Churchill we are in deep shit“. Read More

/ Autor: torstenreitler

Versuch macht klug

Grammatische Frage zuerst: Was ist eigentlich das Gegenteil von Sterben? Also, dem Sterben (pl.), wie das Waldsterben. Mir fällt nur „Schwemme“ ein, aber das ist eher pejorativ und der aktuellen Gründerzeit (ha!) in der Leipziger Clublandschaft sicher nicht angemessen. Passend dazu flatterte uns nämlich der aktuelle Newsletter von Trans Europe Halles ins Haus, mit dem unsere slowakischen Freunde & Kollegen aus Zilina einen – wie sagt man auf Deutsch: Ratgeber? –  veröffentlicht haben, was man beim buchstäblichen Aus-dem-Boden-Stampfen eines Kulturzentrums (o.ä.) beachten könnte. Sie tun das am Beispiel ihrer eigenen Geschichte, die davon handelt, eine noch benutzte (!) Regionalbahnstation zum Kulturzentrum stanica umzubauen.

Ihre Geschichte handelt von Erfindergeist, Wagemut, Selbstausbeutung, Schlitzohrigkeit, von Spaß, Enthusiasmus und Naivität. Vielleicht geht vieles davon nur in der Slowakei, zum Beispiel aus Bierkästen, Stroh und Lehm unter einer Autobahnbrücke einen Veranstaltungssaal zu improvisieren (siehe Video). Vielleicht geht es aber auch überall, es probieren nur die wenigsten. Der nächste Erweiterungsbau der stanica soll übrigens aus alten Schiffscontainern entstehen

Wir waren schon 2009 zum Meeting von Trans Europe Halles vor Ort und können nur empfehlen, sich vom kreativen Übermut der stanica-Macher anstecken zu lassen.

Hier der Link zur Resource von TEH, die sich peu á peu zu einem Online-Archiv für unabhängige Kulturmacher entwickeln soll.

/ Autor: torstenreitler

Mal was mit Kultur Unternehmen.

Braucht Leipzig zwei neue Eventlocations für die tanzorientierte Mittelschicht Clubs? Das Täubchenthal in Plagwitz will im Juni mit einem open-air-Festival öffnen, und eine Crew um das Institut für Zukunft ein Crowdfundingprojekt gestartet, um Teile des Kohlrabizirkus zum Tanztempel umzurüsten.

Die Geschichte der Moritzbastei als Kulturzentrum nahm 1974 ganz ähnlich ihren Anfang. Enthusiasten suchten damals einen Platz, wo sie ihre Vorstellung von Nachtleben und Kultur ausleben können und entschieden sich für einen „vergessenen Ort“, dem seine ursprüngliche Bestimmung abhanden gekommen war. Ein weiterer Grund, warum wir uns hier dem Thema widmen, ist meine letztwöchige Reise nach Riga. Dort trafen sich die Mitglieder des europäischen Kulturnetzwerkes Trans Europe Halles, die unter anderem verbindet, dass ihre Kulturzentren eine ähnliche Entstehungsgeschichte haben. Auch in Leipzig ist dieses Modell völlig normal, das Werk 2, die Distillery, die Damenhandschufabrik, die Spinnerei oder das Tapetenwerk erwuchsen auf diese Weise. Und jetzt eben der Kohlrabizirkus und die ehemalige Kammgarnspinnerei Stöhr in Wachsmuthstraße. Read More

/ Autor: torstenreitler

Grenzüberschreitung in der Ostslowakei

Košice ist die zweitgrößte Stadt der Slowakischen Republik, war über Jahrhunderte eine der wichtigsten Städte im Universum Österreich-Ungarns. Heute haben hier die Bischöfe dreier Religionsgemeinschaften ihre Sitze, die Einwohner hängen elf verschiedenen Religionsgemeinschaften an. Die Stadt gehörte in den vergangenen 100 Jahren zu fünf Staaten, ist heute geprägt von Stahlindustrie und Trabantenstädten. Im nächsten Jahr wird sie gemeinsam mit Marseille Kulturhauptstadt Europas sein, und vergangenes Wochenende war das Kulturnetzwerk Trans Europe Halles, in welchem wir Mitglied sind, in Košice zu Gast. Thema des Treffens: Overcoming Borders. Read More

/ Autor: torstenreitler

Trans Europe Halles Meeting 71

Es war wieder soweit: Das europäische Netzwerk kultureller Zentren traf sich im Creative Center Carnation (CCC) im estnischen Tartu zum 71. Treffen. Nachdem das vorangegangene Treffen im September 2010 bei uns in Leipzig zu Gast war, freuten Katrin, Aiva und meine Wenigkeit sehr, diesmal entspannt einfach nur Gäste sein zu können. Die wichtigsten beiden Themen waren der Start von Engine Room Europe und die Wahl eines neuen Vorstandes von TEH. Im folgenden gibt es einen Bericht und tonnenweise Fotos. Read More