Alle Artikel in der Kategorie “Geschichte

/ Autor: torstenreitler

Wir gehen über den Tresen

Das Moritzbastei-Café wird eine Baustelle. Unser Tresen wird überarbeitet erhält ein upcycling, wie man heute sagt. Oben seht ihr einen der ersten Entwürfe, auf dem die Planer von  brandvorwerk-design das zukünftige Aussehen skizziert haben .

Der Sommer ist für ein solches Vorhaben der beste Zeitraum. Im August schlägt der Puls Leipzigs langsamer (wie auch das Uniradio mephisto 97.6 kürzlich feststellen musste), wer nicht in die Ferne schwof, der liegt ganz nah am Cossistrand. In die City zieht es nur die ansässigen Händler und Werktätigen, schulpflichtige Kinder, die mit ihrer Ferienlangeweile nichts  besseres anzufangen müssen und ab und zu verläuft sich ein Tourist im neuen Museumswinkel.  Die großen Spielstätten halten Sommerschlaf, vor den Leinwänden der Classic open lungern die Eventjunkies herum und ziehen sich DVDs von Konzerten rein, die schon live oft nicht mehr als Kultursurrogat waren.

Auch in der Moritzbastei fahren wir die Generatoren im Sommer auf halber Kraft. Draußen in den Höfen und auf der Terrasse spielen wir Sommertheater und Sommerkino, drinnen nutzen wir die Zeit zum Renovieren. Dieses Jahr ist der Tresen im Café Barbakane dran, der ein wenig in die Jahre gekommen ist.  Außerdem haben wir festgestellt, dass die Funktionalität um einiges verbessert werden könnte. Was unter anderem daran liegt, dass ihr unser Mittagsangebot nun schon seit geraumer Zeit so gern und zahlreich nutzt. 🙂

In der Zeit vom 7.-17. August wird daher bei uns kräftig gewerkelt, weshalb wir unser Essenangebot ein wenig einschränken müssen. Wir hoffen auf euer Verständnis und werden die reduzierte Auswahl durch maximierten Charme wettmachen.

Bei der Gelegenheit lohnt auch ein Blick in die Vergangenheit. So sah unser Cafétresen in den 1980er-Jahren aus:

Anfang der 1990er erhielt dann der Tresen die Form, die er im wesentlichen heute noch hat:

Allerdings fehlten da noch der Überbau und das Rückbuffet. Dafür gab es einen Pizzaofen – wer erinnert sich noch an die durchtanzten Nächte, bei denen ein Stück Pizza um Mitternacht den überschüssigen Alkohol aufsaugte?

Sein heutiges Aussehen hat der Tresen nun auch schon seit über 10 Jahren:

Zeit also für einen Neuanfang. Wir spucken ab Sonntag in die Hände und sind gespannt, wie euch der neue Tresen gefallen wird!

/ Autor: torstenreitler

Wappen hier los?

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Veränderungen tun gut. Auch, wenn man wie die Moritzbastei zielstrebig auf seinen 500. Geburtstag zusteuert.  Mit der Anbringung des originalen Wappensteins im Oberkeller fand die Sanierung der Außenmauern der Moritzbastei ihren Abschluss. Im Zuge der Sanierung, die im Wesentlichen von 2009-2013 erfolgte und die Bastei wieder vor eindringendem Erd- und Regenwasser schützen soll, wurde der über die Jahrhunderte stark verwitterte Wappenstein fachgerecht konserviert.

Der Wappenstein, der ursprünglich wohl das Wappen des Kurfürstentums Sachsen zeigte, ist bereits auf Darstellungen aus dem 16. Jahrhundert zu erkennen:
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Die Geschichte der Moritzbastei ist von Umbauten, Zerstörung und Wiederaufbau geprägt, der Wappenstein aber blieb immer am gleichen Ort erhalten. Und verwitterte bis zur Unkenntlichkeit.  So sah er in den 1980ern aus:imm024

Die Erfindung des schlechten Grafittis machte die Sache nicht besser, wie diese Aufnahme zeigt, die im Jahr 2008 entstand:2008 0805 Wappen

Den Auftrag zur Konservierung des Wappensteins erhielt der Leipziger Bildhauer Markus Gläser.2011 0608 Markus_Gläser_Foto_AndreasSchmidt

Um den Originalstein aus dem 16. Jahrhundert vor weiterem Verfall zu schützen, wurde an seiner Stelle eine Replikation angebracht. Da keine verwertbaren Originaldarstellungen erhalten sind, ist der neue Stein eine künstlerische Neuschöpfung, die das kurfürstliche Wappen im Zentrum zeigt.  An der unteren Spitze findet sich das Wappen der Stadt Leipzig, umrankt ist der Stein von Weinranken und -reben.2011 0609 Wappen

Der Originalstein schließlich wurde diese Woche in der „Traditionsecke“ im Bereich des Oberkellers an der Wand angebracht:IMG_2692

Die Konservierung und Anbringung wurde unter anderem durch Spendengelder finanziert. Vielen Dank an dieser Stelle noch einmal an alle, die einen Beitrag zu den Spenden in Höhe von 14.000 Euro beigetragen haben. Auch an die Kulturstiftung Leipzig noch einmal einen Dank, die uns bei der Einwerbung der Spenden unterstützte.IMG_2778

Auf die nächsten 500 Jahre, Wappenstein!

Und wer mehr zur Geschichte der Moritzbastei erfahren möchte, kann sich hier im Blog umschauen oder auf der Webseite der MB. Oder eine unserer Führungen besuchen.

/ Autor: markus-koerner

Wie war das noch gleich mit dem Wiederaufbau?

Ist es nicht schön wenn sich alles so gut ineinander fügt? Ja das ist es. Auf der Suche nach Aufnahmen und Anekdoten aus der jüngeren Vergangenheit der Moritzbastei kam zufällig ein Mann auf uns zu und lieferte beides, Fotografien und die Geschichten dahinter. Die Rede ist von Hans-Wolfgang Wenzel, einem Sohn der Stadt Leipzig, gelernter und studierter Maschinenbauer und Ingenieur sowie seit 1974 Hobbyfotograf. Letzterem haben wir wunderbare Aufnahmen u.a. aus den Jahren 1978 und 79 zu verdanken.

Im Jahr 1974, am 30. März um genau zu sein, wurde der Grundstein für das „Studentenprojekt Moritzbastei“ gelegt. Zu diesem Zeitpunkt lag bereits eine aufregende Zeit hinter den Mauern des heutigen Kulturzentrums im Innenstadtring und eine ebenso aufregende neue begann. Die gesamte Geschichte der Moritzbastei kann man hier nachlesen.

Hans-Wolfgang Wenzel und seine Frau kehrten nach ihrem 1977 beendeten Studium aus Magdeburg zurück nach Leipzig und leisteten Anfang 1978 aus persönlichem Interesse Aufbaustunden in der Moritzbastei. „Da ich nie oder selten ohne Kamera unterwegs bin, machte ich natürlich einige Fotos vom Wiederaufbau der MB.„, so Herr Wenzel in einem kurzen Interview zu den Fotografien. Es ist unser Glück, dass er sein Hobby immer im Blick hatte und so schöne Fotografien vom Wiederaufbau entstanden. Dadurch entstand auch ein guter Kontakt zu Peter Kunz, dem damaligen Direktor bzw. Klubleiter der Moritzbastei. Dieser bat Hans-Wolfgang Wenzel in Folge seiner Mitarbeiter gelegentlich um Aufnahmen von Veranstaltungen in den bereits fertiggestellten Räumen.

John Stave – Lesung in der großen Tonne (April 1978)
Karnevalseröffnung in der großen Tonne (November 1978)
Barbara Thalheim in der großen Tonne (Mai 1979)

Parallel zu den ersten Lesungen, Feiern und Konzerten in der großen Tonne (die heutige Veranstaltungstonne) wurden die Arbeiten am Oberkeller und den restlichen Räumen vorangetrieben. Ein besonderer Meilenstein war die 100.000. Aufbaustunde, wohlgemerkt alles freiwillige Arbeitsstunden, am 08. Februar 1979.

Gruppe von freiwilligen Arbeitern zusammen mit Peter Kunz zur Begehung der 100.000 Aufbaustunde vor dem Basteieingang (Februar 1979)
Bauarbeiten im Unterkeller (Januar 1979)
Bauarbeiten im Oberkeller (Januar 1979)

Am 01. Dezember 1979 wurde der Oberkeller feierlich eröffnet und erstrahlte in einem Glanz, den er bis heute bewahren konnte. Abgesehen von den Polsterbezügen auf der ein oder anderen Sitzgelegenheit wurde das bewährte Aussehen und die Einrichtung beibehalten und dient somit seit fast vier Jahrzehnten als Anlaufpunkt für Veranstaltungen verschiedenster Art.

Oberkeller zur Eröffnung (Dezember 1979)
Oberkeller zur Eröffnung (Dezember 1979)
Oberkeller zur Eröffnung (Dezember 1979)

Zum Abschluss sei noch ein großes Dankeschön an Herrn Hans-Wolfgang Wenzel gerichtet, der uns mit seinen Fotografien und den dazugehörigen Informationen ein Stück weit mitnehmen konnte, in eine prägende Zeit der Moritzbastei, auf die wir gern zurück blicken. Hans-Wolfgang Wenzel lebt heute in Klinga bei Grimma und ist weiterhin künstlerisch aktiv.

Selbstportrait Hans-Wolfgang Wenzel (Dezember 1979)

/ Autor: torstenreitler

Abgestempelt

stempelheadWas sich beim Aufräumen manchmal so findet: Unsere Verwaltung muss ihr Büro in der Ritterstraße räumen, dabei fand sich eine Kiste mit alten Stempeln aus den 1980er Jahren an. Einen gewissen Charme haben sie ja, auch wenn diese altdeutsche Fraktur heute etwas befremdet.

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Hübscher sind das schon diese alten Biermarken. Die lagen auch in der Kiste. Staubige Akten müssen schon damals für trockene Kehlen gesorgt haben. 😉Biermarken

 

 

/ Autor: torstenreitler

Neuigkeiten, Altigkeiten

Letzten Montag feierte Wilfried Schlosser, ehemaliger Stadtrat und stellvertretender Oberbürgermeister Leipzigs, seinen 80. Geburtstag in der Moritzbastei.  Schlosser war in den 1970er Jahren einer der wichtigsten Unterstützer des Moritzbastei-Wiederaufbaus bei der Leipziger Stadtverwaltung. Zu seinen Gratulanten gehörten natürlich auch ehemalige Kollegen und Mitstreiter beim Wiederaufbau der MB. Unter anderem sein damaliger Referent Lothar Birk, der die Zusammenarbeit mit den Leipziger Baubetrieben koordinierte. Bei solchen Gelegenheiten werden natürlich immer auch olle Kamellen ausgetauscht, für mich als „Nachgeborenen“ fallen da immer auch ein paar interessante Geschichten ab.

Es gibt aber auch andere Quellen, die immer wieder Dinge über die Moritzbastei zu Tage fördern, die auch mir noch nicht bekannt waren. Zum Beispiel die Social-Media-Redaktion des Universitätsarchives, die sehr emsig auf zwei(!) instagram-Profilen Schätze aus ihren Beständen mit kleinen Erläuterungen postet (das Abo macht richtig Spaß!). Auch ihren facebook-Kanal pflegen sie vorbildlich, unter anderem mit Bildern von der Baustelle der Moritzbastei aus den 1970ern.

Auf dem Instagram-Profil fotokanaluniarchiv fand ich auch die kolorierte Stadtansicht von Leipzig aus dem Jahr 1617. OLYMPUS DIGITAL CAMERAÜber die Detailtreue des Bildes kann man streiten, offensichtlich beruht die Arbeit auf einer Vorlage aus der berühmten „Civitates Orbis Terrarum“ von Frans Hogenberg und Georg Braun. Die Moritzbastei in der unteren Bildmitte ist gut zu erkennen. Der Wassergraben vor der Stadtmauer wurde vom Colorateur vom Grimmaischen Tor bis zur Moritzbastei grün gefärbt. Ob das dem Zustand des Grabens entsprach, der eine furchtbare Kloake gewesen sein soll, sei dahin gestellt. Auf der Südwestseite bis zur Pleißenburg fehlt der Wassergraben hier ganz.

Zufälligerweise stieß ich an anderer Stelle auf eine Ansicht der Ranstädter Bastei, dem Pendant zur Moritzbastei an der nordwestlichen Stadtmauer. Dort ist der Wassergraben sehr gut zu sehen, er sieht auch noch recht frisch aus:Ranstädter Bastei KomödienhausWährend auf die Moritzbastei ja im 18. Jahrhundert die 1. Bürgerschule Leipzigs gebaut wurde, errichtete man auf den Fundamenten der Ranstädter Bastei das Komödienhaus, wie es auf dem Bild zu sehen ist. Dieser Bau wurde bis in die 1930er Jahre erweitert und nach dem Bau des Neuen Theaters am Augustusplatz als „Altes Theater“ weitergeführt. Brechts „Baal“ erlebte hier 1923 seine skandalumwitterte Uraufführung.

Ein noch älteres Bild gibt es von der vierten Leipziger Bastei, die der damaligen Pleißenburg vorgelagert war.Pleißenburg_1642Wenn man der historischen Darstellung des Angriffes der Schweden im Dreißigjährigen Krieg trauen darf, sieht man an der zerstörten Bastion sehr schön, dass die Basteien zwischen den Außenmauern mit Erde verfüllt waren. Unser Partygewölbe, der Oberkeller, entstand ja tatsächlich erst in den 1970er Jahren bei den Ausgrabungsarbeiten der Studenten.

Aber zurück zum Anfang. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts sah es an der Moritzbastei noch so aus: BS018Im 19. Jahrhundert wurden die Reste des Stadtgrabens inklusive der letzten Wasserlachen verfüllt und zu Parkanlagen umgestaltet, die Ringstraße wurde angelegt. Lothar Birk erzählte mir bei der anfangs erwähnten Geburtstagsfeier, dass dieser Wölbgraben noch heute zur Entwässerung genutzt wird, unter anderem für die Moritzbastei. Die Stadtwerke würden ihn auch regelmäßig sanieren und säubern, erzählte mir daraufhin unser Haustechniker.

Falls also mal wieder jemand nach den berühmt-berüchtigten Geheimgängen fragt, die angeblich einst vom Rathaus zur Moritzbastei geführt haben sollen, werde ich auf diese alte Kanalisation hinweisen.

PS: Beim Stöbern zu diesem Artikel bin ich noch auf dieses Video gestoßen, das einen Rundgang um die Pleißenburg im Jahr 1892 visualisieren soll. Besonderen Eindruck hat die Musik bei mir hinterlassen.

/ Autor: torstenreitler

Durstiger Enddreißiger mit Flügeln

0607-Jochen_WisotzkiDas ist Jochen Wisotzki. Er ist kein Enddreißiger, ob er gerade Durst hat, weiß ich nicht.

Aber seinem „Baby“, der Lesereihe  „Der Durstige Pegasus“, hat er vor 39 Jahren – also 1976 – ans Licht der Welt verholfen. Das fiel damals nur spärlich in die Moritzbastei ein. Die wurde nämlich noch ausgegraben. Die erste Pegasus-Lesung dürft ihr euch also in etwa so vorstellen, unter bröckelndem Putz auf Klappstühlen unter Bauscheinwerfern:

tonne1970erJochen Wisotzki ist heute Abend zu Gast bei Elia van Scirouvsky, der den „Durstigen Pegasus“ aktuell im Wechsel mit Norbert Marohn moderiert. Da wird sicher viel über die Pegasus-Geschichte zu hören sein, aber vielleicht auch ein wenig über den Film „Flüstern & Schreien“ zu erfahren sein. Dafür hat Jochen nämlich das Drehbuch geschrieben und Interviews geführt.

Im nächsten Jahr wird das durstige Flugpferd also 40 Jahre alt. Ich freue mich schon mal vor auf die Party. Die Geburtsurkunde sah übrigens wie folgt aus.

Der Durstige Pegasus, 6. Juli, 20 Uhr, Eintritt frei.
Mit: Jochen Wisotzki, Didi Voigt und Luise Boege:
Moderation: Elia van Scirouvsky

 

/ Autor: torstenreitler

Die Nacht, als die D-Mark kam

Was für griechische Ohren heute wie eine Drohung klingen mag, galt vor 25 Jahre hierzulande als die Verheißung blühender Landschaften. „Kommt die D-Mark, bleiben wir! Kommt sie nicht, gehn wir zu ihr!“ So krakeelte es auf den letzten verbliebenen Montagsdemos. Der Beitrag, den MDR-Reporter Jens Hölzig in der Moritzbastei gedreht hat, erinnert an die Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli 1990, als bis Mitternacht in Mark der DDR gezahlt wurde und ab 0 Uhr in D-Mark. Jens hat damals hinterm Tresen im Oberkeller gestanden und literweise Pfeffi ausgeschenkt. Was sonst noch passierte, schaut ihr euch am besten selber an.

DMarkMDR

 

Zum Thema D-Mark und wie die Geschichte weiter ging sendet der MDR ab heute Nacht einen weitaus spannenderen Dreiteiler. Die Titelfrage „Wem gehört der Osten?“, die sich der Privatisierung und der ökonomischen Neuordnung nach dem Ende der DDR widmet, kann man heute gerne noch allgemeiner fassen: Was ist Gemeingut und sollte es bleiben? Sind Trinkwasser, Ackerland, Stadtviertel am Ende nichts als Renditeobjekte für Großanleger? In Griechenland und auf den Gipfeltreffen der Granden von EU, EZW und IWF wird diese Frage in diesen Tagen beantwortet. Vorläufig.

/ Autor: torstenreitler

With a little help

Im Rahmen einer Kulturpatenschaft unterstützt die windwerker human performance factory GmbH  die Moritzbastei mit Beratung und Evaluierung vorhandener Arbeitsstrukturen.

Im vergangenen Jahr feierte die Moritzbastei ihren 40. Geburtstag. Wer von euch diese Zahl aus persönlicher Lebenserfahrung kennt, weiß, was das heißt. Um es mit Faith no more zu singen:

An der Wiege des Veranstaltungsorts Moritzbastei standen DDR, FDJ und ein Kulturbegriff zwischen Hippiekommune und Kampfreserve der Partei. Auch nach dem Ende der DDR und der Gründung der Stiftung Moritzbastei und der Moritzbastei Betriebs GmbH 1993 brauchte es noch eine ganze Weile, um aus diesen Kinderschuhen zu wachsen. Erinnert sich noch jemand an Leipzig in den 1990ern? Vom heutigen Subkultur-Overkill wagte man damals nicht einmal zu träumen. Wochenendtouristen vertrieben die Szene aus dem Barfussgäßchen in die Karli und die Gottschedstraße. Konzerte gab es in der naTo, dem Eiskeller oder der MB. In Reudnitz ging die Sonne auf, in Plagwitz ging sie unter, mehr war dort nicht zu erwarten. Wir waren wahrscheinlich der einzige Klub der Stadt, in dem man regelmäßig feiern gehen konnte.  Die Leute kamen zu uns, also war alles gut. Kein Grund, sich Gedanken zu machen.

Long time ago, die Zeiten ändern sich. Mit der Jahrtausendwende Read More

/ Autor: torstenreitler

Papperlapopgeschichte

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Die Mittwochsparty ist nicht nur eine Institution der Moritzbastei. Heute erzählen wir euch mal die Geschichte dieser Partyreihe, die ab heute unter wöchentlich wechselndem Namen & Programm neu startet. Ein Diavortrag über knapp 40 Jahre Diskowahnsinn in der MB. Viel Spaß!

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Der Mittwoch war schon kurz nach dem Ausgrabungsbeginn der MB als Diskotag im Gespräch, wie dieser Artikel aus der Universitätszeitung vom 11. Juli 1974 zeigt. Die heutige „Diskotonne“ war übrigens noch gar nicht vorgesehen für den Ausbau.

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Die Veranstaltungstonne, wo heute die Konzerte stattfinden, sah 1975 noch ungefähr so aus wie auf diesem Bild.

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In den Anfangsjahren war eine Liveband obligatorisch. Hier spielt die Kasseturm-Jazzband aus Weimar auf. Beards, shirts & cigarettes – original hipster back in 1980!

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Die MB-Partys waren schon immer Kontaktbörse. Allerdings nicht immer nur mit eindeutigen Absichten. Hier sucht jemand per Aushang:  „für ein BRECHT-PROGRAMM einen Pianisten, der vom Blatt spielen kann“. (1978, live spielt der Jazzgitarrist Uwe Kropinski)

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Der erste, heute legendäre Name der MB-Diskos: Papperlapop (auf der Posterwand von 1980 unten rechts). Jenachdem, ob in zwei oder sogar drei Räumen DJs auflegten, hieß es später „2-Kanal-“ oder „3-Kanal-Papperlapop“.

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Diskjockeys waren meist Tapejockeys – Platten mit aktuellen Hits gab es in der DDR praktisch nicht, das meiste wurde auf Kassette kopiert oder im Westradio aufgenommen. Kein DJ kam ohne seine Notizbücher aus, in denen die Liedreihenfolge seiner Kassettensammlung vermerkt war!

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Die Lichttechnik war in den 1980ern digital. Es gab die Optionen 1 oder 0 – an oder aus. Na gut. Rot, Blau und Grün waren auch möglich.

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Bis in die 1990er Jahre war die MB beinahe Alleinherrscher unter den Leipziger Diskotheken. Das Fassungsvermögen war mit knapp 1200 Besuchern einzigartig, und es war gefühlt immer ausverkauft. Alternativen entwickelten sich erst ab Ende der 1990er, eine echte Konkurrenz für den Mittwoch tauchte erst mit dem Nachtcafé auf. Ach, und Rettungsfolie als Partydeko haben nicht die heutigen HGB-Studenten erfunden. Das Bild zeigt eine Faschingsparty Ende der 1980er Jahre.

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Mit dem Aufblühen der Leipziger Clubszene und dem Boom von Black Music, HipHop und Techno um 2000 herum gab es den ersten „Mittwochsknick“. Darufhin wurde die MB-Disko technisch aufgerüstet und ein neuer Name wurde gesucht.

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Tatsächlich gab es eine Zeit, da liefen die Partys unter dem Namen „Discodiscount“. Aua! Zu meiner Schande muss ich zugeben, dass ich mir den habe einfallen lassen. Zu meiner Ehrenrettung sei gesagt, dass auch „All You Can Dance“ auf meinem Mist gewachsen ist. Seit Februar 2002 wird unter diesem Titel Mittwochs und Samstags bei uns gefeiert.

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Ende 2013 kam dann der Schuhfetisch in unser Partyprogramm. Zum Jubiläumsjahr 2014 starteten wir eine große Plakatkampagne mit der Aufforderung „put on your dancing shoes“. Die fotografierten Treter gehören übrigens alle Leute aus dem MB-Team. 🙂

In den vergangenen zwei Jahren gab es dann die nächste tektonische Verschiebung im Leipziger Nachtleben. Neue Clubs öffneten, lose Partycrews laden zu informellen Raves in WG-Küchen, Parks und unter Autobahnbrücken. Plagwitz, Lindenau und der Leipziger Osten ziehen das Publikum aus den gewohnten Ausgehvierteln. Wenn es hypezig irgendwo da draußen geben sollte, dann jedenfalls nicht in der Innentstadt! Dazu kommt, dass der wichtigste Effekt der Bologna-Reform wohl der ist, dass Studenten wochentags abends kaum noch aus dem Haus gehen. Jedenfalls nicht, um bis in die Morgenstunden zu tanzen. Bis Donnerstag nachmittag wird studiert und gebüffelt, beim Blick auf den Partykalender der Stadt kann man es deutlich sehen: der Mittwoch fühlt sich nicht mehr sehr sexy an…

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Da wollen wir ein bisschen helfen. Nach genau 12 Jahren (!) unter dem Namen „All you can dance“ starten wir ab Februar unter wechselnden Namen und mit neuen Formaten durch. Unter dem Titel „los!tanzen!“ wird es eher „klassische“ MB-Studentenpartys geben, nächste Woche wird es dann unter dem Titel „Masse und Beschleunigung“ eher in Richtung Indietronics und Electronic gehen. Zwei weitere Formate haben wir noch in der Hinterhand, die dann Akzente in Richtung Indie und Alternative setzen werden

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Unseren Schuhfimmel treiben wir noch ein wenig weiter. Wir haben eine kleine Fotostation eingerichten, unter dem hashtag #lostanzen könnt ihr mit euren Schuhselfies aus der MB die sozialen Netzwerke verstopfen.

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Ab heute nacht gilt es. Wir hoffen, ihr habt so viel Spaß beim Feiern wie wir beim Vorbereiten. Wir freuen uns auf euch!

/ Autor: torstenreitler

Blauhemden im Ziegelrot

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Zugegeben: Der Veranstaltungstitel klingt etwas bemüht. Aber am 12. September steht der Tag des offenen Denkmals nun mal unter dem Motto „Farbe“, da mussten wir halt ein bisschen dichten.

Inhaltlich ist das aber ok. Der Vortrag, den ich am nächsten Sonntag im Oberkeller halten werde, widmet sich dem Wiederaufbau der Moritzbastei in den 1970er Jahren. Dabei soll aber nicht zum hundertsten Mal die Anekdotenkiste aufgemacht werden, sondern auf die baulichen Veränderungen eingegangen werden, welche die Bastei in den 460 Jahren ihres Bestehens so erlebt hat. Auch wenn es ganz anders aussieht – zu großen Teilen ist die Bastei ein funktionaler Mehrzweckbau, der seine heutige Gestalt vor allen Dingen den Umbaumaßnahmen im 18. und 20. Jahrhundert verdankt.

Ein wenig ist die Veranstaltung auch ein Vorgucker auf das Fest der Feste am 2. Oktober, bei dem wir mit Aktivisten aus der Aufbauzeit, ehemaligen AG-Mitgliedern, Kollegen aus 20 Jahren Moritzbastei GmbH, dem aktuellen Team und unseren Gästen das 40. Jubiläum des Wiederaufbaubeginns feiern wollen. Vielleicht schafft es ja auch der eine oder andere, den Vortrag mit eigenen Berichten oder Dokumenten zu bereichern, geplant sind 45-60 Minuten Vortrag und danach soll Zeit für Fragen und Wortmeldungen sein.

Weil schon einige Anfragen kamen – wir nehmen keine Platzreservierungen entgegen. Platz ist für ca. 100 Leute, sitzen kann man auf den Treppenstufen des Oberkellers. Wenn voll ist, ist voll. Ich bin gespannt!