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/ Autor: torstenreitler

Warum wir Courage zeigen

Am 30. April findet auf dem Dach der Moritzbastei  Leipzig zeigt Courage! statt.  Neben einem „Markt der Vielfalt“, auf dem sich Initiativen und Vereine vorstellen werden, spielen ab 16 Uhr die Donots, Eko Fresh, 47Soul, Kraus und Erase the pace auf der Hauptbühne.

Manchmal schlägt das Leben seltsame Kapriolen. Anfang des Jahres ging der Verein „Leipzig. Courage zeigen“ mit der Entscheidung an die Öffentlichkeit, das Courage-Festival nach 20 Jahren nicht mehr veranstalten zu wollen. In der LVZ wurden die Gründe ausführlich dargelegt („Nach 20 Jahren – Leipziger Courage-Festival ist Geschichte“).

Kurze Zeit nach dieser Entscheidung klingelte das Moritzbastei-Telefon.  Sebastian Krumbiegel, 1998 Mitbegründer des Festivals und Mitglied des Courage-Vereins, fragte an, ob wir uns vorstellen könnten, ihn bei der Fortführung des Festivals zu unterstützen. Da er von der gesellschaftlichen Notwendigkeit und Relevanz eines solchen öffentlichen Bekenntnisses zu zivilem Engagement, Toleranz und Miteinander überzeugt sei, könne er das beschlossene Aus nicht akzeptieren. Gemeinsam mit Heike Engel vom Anker (sie ist ebenfalls Mitglied des Courage-Vereins) und der Stadt Leipzig wolle er das Festival in Eigenregie weiterführen – warum nicht auf dem Dach der Moritzbastei?

Wir haben sofort zugesagt. Das Anliegen war uns wichtig und wir sahen wie Sebastian die Chance, das bei den letzten Austragungen doch etwas routiniert heruntergespulte Festival wieder zu reanimieren. Kein Halbplayback-Showbiz mehr, wie im vergangenen Jahr auf der Courage-Bühne auf dem Leipziger Markt, sondern ein Line-Up mit Künstlern, die klar Stellung beziehen. Lieber eine Nummer kleiner herangehen und dafür auf den Kern des Anliegens konzentrieren, das sollte die Devise sein.


Initiatoren und Unterstützer beim Pressetermin im Neuen Rathaus: Grafiker Schwarwel, Sebastian Krumbiegel, Heike Engel (Der Anker e.V.), Sozialbürgermeister Thomas Fabian und Rick Barkawitz von der Moritzastei (v.l.n.r.)

Kern des Courage-Festivals war die Absicht, ein öffentliches Zeichen gegen die Nazi-Aufmärsche  zu setzen, die Christian Worch Ende der 1990er-Jahre in Leipzig angemeldet hatte und die vor der Kulisse des Völkerschlachtdenkmals symbolträchtige Bilder für die nationalistische und nazistische Szene liefern sollte. Christian Worchs Konzept wurde durch den Einsatz des Vereins und die Beteiligung der Leipziger Bürgerschaft erfolgreich durchkreuzt, doch danach folgte eine Bedeutungskrise des Festivals. Die plakativ und militant auftretenden Rechtsextremisten verschwanden aus der öffentlichen Wahrnehmung. An ihre Stellte traten populistische und nationalistische Kräfte und Akteure aus der Mitte der Gesellschaft, die ihren Rassismus, ihre Fremdenfeindlichkeit und ihre Missachtung demokratischer Errungenschaften mit wachsendem Zuspruch unter dem Deckmantel konservativer Bürgerlichkeit vortragen. Doch eine wachsende Zahl fremdenfeindliche Anschläge und von Straftaten mit rechtsextremem Hintergrund zeigen, dass sich nur das Auftreten gewandelt hat – die Gefahren für die demokratische Grundverfassung dieses Landes sind die gleichen geblieben, vielleicht sogar gewachsen.

Was kann ein Konzert wie das Courage-Festival dagegen ausrichten? Kunst kann nicht viel mehr, als Angebote machen. Im besten Fall sind sie attraktiver als das, was Rechtsextreme anbieten können, nehmen Ängste, zeigen die Chancen eines friedlichen Miteinanders auf und verdeutlichen den Wert dessen, was Demokratie bedeutet. Die Organisatoren um Sebastian Krumbiegel und Heike Engel verweisen darauf, dass es in erster Linie ihr Anliegen ist, für etwas einzutreten und nicht vorrangig gegen etwas (auch wenn das eine das andere einschließt) – dem können wir uns vorbehaltlos anschließen.

Wir als Moritzbastei hoffen, dass der 30. April 2018 wieder einmal ein Zeichen dafür setzt, dass diese Stadt weltoffen ist und das auch bleiben will. Die liberale, kreative, soziale und selbstbewusste Bürgerlichkeit dieser Stadt ist ein wichtiger Grund dafür, dass sich in den letzten Jahren immer mehr Menschen entscheiden, hierher zu ziehen. Das soll auch der Markt der Vielfalt zeigen, der Initiativen und Vereinen die Möglichkeit gibt, ihre Angebote zu präsentieren und Mitstreuter und Unterstützer zu finden.

Wenn das Wetter mitspielt und das Festival-Angebot überzeugen kann, wird es am Montag sicher sehr voll auf und um die Moritzbastei herum. Vielleicht wird auch nicht alles hundertprozentig perfekt ablaufen, hier und da die kurze Organisationszeit zu spüren sein und der Zauber des Neuanfangs sich in kleineren Unvorhersehbarkeiten zu erkennen geben. Das wird den Spaß hoffentlich nicht trüben und die Grundaussage nur verstärken: Leipzig verharrt nicht im Gestern, Leipzig hat Courage, Leipzig geht die Sache an. Miteinander.

 

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