/ Autor: torstenreitler

Neuigkeiten, Altigkeiten

Letzten Montag feierte Wilfried Schlosser, ehemaliger Stadtrat und stellvertretender Oberbürgermeister Leipzigs, seinen 80. Geburtstag in der Moritzbastei.  Schlosser war in den 1970er Jahren einer der wichtigsten Unterstützer des Moritzbastei-Wiederaufbaus bei der Leipziger Stadtverwaltung. Zu seinen Gratulanten gehörten natürlich auch ehemalige Kollegen und Mitstreiter beim Wiederaufbau der MB. Unter anderem sein damaliger Referent Lothar Birk, der die Zusammenarbeit mit den Leipziger Baubetrieben koordinierte. Bei solchen Gelegenheiten werden natürlich immer auch olle Kamellen ausgetauscht, für mich als „Nachgeborenen“ fallen da immer auch ein paar interessante Geschichten ab.

Es gibt aber auch andere Quellen, die immer wieder Dinge über die Moritzbastei zu Tage fördern, die auch mir noch nicht bekannt waren. Zum Beispiel die Social-Media-Redaktion des Universitätsarchives, die sehr emsig auf zwei(!) instagram-Profilen Schätze aus ihren Beständen mit kleinen Erläuterungen postet (das Abo macht richtig Spaß!). Auch ihren facebook-Kanal pflegen sie vorbildlich, unter anderem mit Bildern von der Baustelle der Moritzbastei aus den 1970ern.

Auf dem Instagram-Profil fotokanaluniarchiv fand ich auch die kolorierte Stadtansicht von Leipzig aus dem Jahr 1617. OLYMPUS DIGITAL CAMERAÜber die Detailtreue des Bildes kann man streiten, offensichtlich beruht die Arbeit auf einer Vorlage aus der berühmten „Civitates Orbis Terrarum“ von Frans Hogenberg und Georg Braun. Die Moritzbastei in der unteren Bildmitte ist gut zu erkennen. Der Wassergraben vor der Stadtmauer wurde vom Colorateur vom Grimmaischen Tor bis zur Moritzbastei grün gefärbt. Ob das dem Zustand des Grabens entsprach, der eine furchtbare Kloake gewesen sein soll, sei dahin gestellt. Auf der Südwestseite bis zur Pleißenburg fehlt der Wassergraben hier ganz.

Zufälligerweise stieß ich an anderer Stelle auf eine Ansicht der Ranstädter Bastei, dem Pendant zur Moritzbastei an der nordwestlichen Stadtmauer. Dort ist der Wassergraben sehr gut zu sehen, er sieht auch noch recht frisch aus:Ranstädter Bastei KomödienhausWährend auf die Moritzbastei ja im 18. Jahrhundert die 1. Bürgerschule Leipzigs gebaut wurde, errichtete man auf den Fundamenten der Ranstädter Bastei das Komödienhaus, wie es auf dem Bild zu sehen ist. Dieser Bau wurde bis in die 1930er Jahre erweitert und nach dem Bau des Neuen Theaters am Augustusplatz als „Altes Theater“ weitergeführt. Brechts „Baal“ erlebte hier 1923 seine skandalumwitterte Uraufführung.

Ein noch älteres Bild gibt es von der vierten Leipziger Bastei, die der damaligen Pleißenburg vorgelagert war.Pleißenburg_1642Wenn man der historischen Darstellung des Angriffes der Schweden im Dreißigjährigen Krieg trauen darf, sieht man an der zerstörten Bastion sehr schön, dass die Basteien zwischen den Außenmauern mit Erde verfüllt waren. Unser Partygewölbe, der Oberkeller, entstand ja tatsächlich erst in den 1970er Jahren bei den Ausgrabungsarbeiten der Studenten.

Aber zurück zum Anfang. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts sah es an der Moritzbastei noch so aus: BS018Im 19. Jahrhundert wurden die Reste des Stadtgrabens inklusive der letzten Wasserlachen verfüllt und zu Parkanlagen umgestaltet, die Ringstraße wurde angelegt. Lothar Birk erzählte mir bei der anfangs erwähnten Geburtstagsfeier, dass dieser Wölbgraben noch heute zur Entwässerung genutzt wird, unter anderem für die Moritzbastei. Die Stadtwerke würden ihn auch regelmäßig sanieren und säubern, erzählte mir daraufhin unser Haustechniker.

Falls also mal wieder jemand nach den berühmt-berüchtigten Geheimgängen fragt, die angeblich einst vom Rathaus zur Moritzbastei geführt haben sollen, werde ich auf diese alte Kanalisation hinweisen.

PS: Beim Stöbern zu diesem Artikel bin ich noch auf dieses Video gestoßen, das einen Rundgang um die Pleißenburg im Jahr 1892 visualisieren soll. Besonderen Eindruck hat die Musik bei mir hinterlassen.