/ Autor: torstenreitler

Das ist nun der Lohn.

kneipensterben

Der Januar rückt näher, die Briefkästen quellen über von Mitteilungen diverser Dienstleister, in denen sie Preiserhöhungen ankündigen. Die LVZ von heute zitiert nun die Gastwirte, die wegen des Mindestlohns ihre Preise erhöhen.

Auf der gleichen Seite 1 der heutigen Stadtausgabe zitiert die LVZ eine Umfrage, nach der 76 Prozent der Leipziger „zufrieden oder sehr zufrieden“ mit ihrem Leben in der Stadt sind. Leipzig scheint also der lebendige Beweis dafür zu sein, dass Glück nichts mit Geld zu tun hat, liegt die Stadt nach einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft vom Sommer diesen Jahres doch an Platz vier der einkommensärmsten Städte Deutschlands (anderen Studien zu Folge ist Leipzig vergleichsweise sogar noch ärmer).

Leipzigs Beliebtheit in aller Welt wird gerne damit begründet, dass es hier so viel Platz für Kreative, so viel Kneipenkultur, so  geringe Lebenshaltungskosten gibt. Und niedrige Lohnkosten. Die offizielle Wirtschaftsförderungsgesellschaft  des Freistaates Sachsen wirbt auf ihrer Homepage damit, dass alles hier so schön billig ist: „Auch moderate Lebenshaltungskosten und ein wettbewerbsfähiges Lohnniveau machen Sachsen zu einer guten Wahl – auch unter Kostengesichtspunkten.“

Das Leipziger Nachtleben ist keine Kuschelecke, der Kapitalismus ist hier nicht sanfter oder barmherziger als irgendwo anders. Wer billige Klamotten, Handys zum Nulltarif oder Lebensmittel zu Discountpreisen einkaufen will, der muss für niedrige Produktionskosten sein. Für niedrige Löhne, für Sweatshops in Asien, für Giftmüllexporte nach Afrika. Wer für kleines Geld in den Club oder den Pub will, der darf nicht vom Wirt erwarten, dass er seinen Tresenkräften Spitzengehälter zahlt.

Die andere Seite der Medaille wäre natürlich, dass sich die Leute bei höheren Löhnen auch mehr leisten könnten. In einer gerechten Welt würden die Löhne schneller steigen als die Preise, damit möglichst viele Unternehmen von der steigenden Kaufkraft profitieren. Aber wer von uns wertet schon das Allgemeinwohl höher als sein eigenes? Wir sehen alle zu, dass wir unser Stück vom Kuchen abbekommen. Weil wir (leider zu Recht) Angst haben müssen, dass wir ansonsten ausgenutzt und übervorteilt werden. Verantwortungsvolles Kaufverhalten ist ebenso selten (oder häufig) wie verantwortungsvolles Unternehmertum. Oder verantwortungsvolle Politik.

Auch in der Moritzbastei gelten die Gesetze von Angebot und Nachfrage. Wir zahlen bisher nach Tarif, mindestens. Das bedeutet aber nicht, dass wir allen Mitarbeitern bisher den ab 2015 geltenden Mindestlohn gezahlt haben. Ab Januar werden wir das tun. Dass möglichst viele Gastronomen dieser Stadt dies ebenfalls als Selbstverständlichkeit ansehen, können wir nur hoffen.

Über 100 Mitarbeiter der MB, die sich meist im 450-Euro-Bereich etwas zum Studium dazu verdienen,  werden ab nächsten Monat also einen höheren Stundenlohn haben. Sie sind es wert, keine Frage. Die Festangestellten haben schon bisher 8,50 Euro oder mehr verdient, weil sie im Gegensatz zu unseren Pauschalangestellten ausgebildet oder qualifiziert sind.

Im Gegenzug werden wir auf betriebliche Zusatzleistungen verzichten, die wir bisher gewährt haben. Wir werden Veranstaltungen noch stärker unter wirtschaftlichen Aspekten planen. Auch wir werden einige unserer Preise leicht anheben. Wir werden in allen Belangen (noch) kalkulierter Denken und Entscheiden müssen. Das wird (hoffentlich) dazu führen, dass wir in ruhigen Fahrwassern bleiben. Ob Kunst und Kultur besser gedeihen, wenn die ökonomischen Zwänge wachsen? Wir haben unsere Zweifel, lassen uns aber gern vom Gegenteil überraschen.

PS: Statt des gesetzlichen Mindestlohns, der nur konsequent der Logik unseres aktuellen Wirtschaftssystems folgt, gibt es da ja noch die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens. Das ist nicht die Antwort auf alle Fragen. Es würde aber das Problem verlagern auf die Seite derer, die bisher zu den ökonomischen Gewinnern zählen. Die Sorgen vieler Künstler, Kulturmacher, Studenten und Tresenjobber dagegen würden vermutlich deutlich kleiner, und die „Armutsrankings“ büßten wahrscheinlich viel an ihrem Unterhaltungswert ein (wir reden hier noch nicht einmal von Dingen wie Würde. Hartz IV, anybody?) .

Warum setzen sich die Gastronomen nicht lautstark dafür ein? So ein Grundeinkommen ließe sich doch auch ganz bestimmt wunderbar versaufen.