/ Autor: torstenreitler

Mal was mit Kultur Unternehmen.

Braucht Leipzig zwei neue Eventlocations für die tanzorientierte Mittelschicht Clubs? Das Täubchenthal in Plagwitz will im Juni mit einem open-air-Festival öffnen, und eine Crew um das Institut für Zukunft ein Crowdfundingprojekt gestartet, um Teile des Kohlrabizirkus zum Tanztempel umzurüsten.

Die Geschichte der Moritzbastei als Kulturzentrum nahm 1974 ganz ähnlich ihren Anfang. Enthusiasten suchten damals einen Platz, wo sie ihre Vorstellung von Nachtleben und Kultur ausleben können und entschieden sich für einen „vergessenen Ort“, dem seine ursprüngliche Bestimmung abhanden gekommen war. Ein weiterer Grund, warum wir uns hier dem Thema widmen, ist meine letztwöchige Reise nach Riga. Dort trafen sich die Mitglieder des europäischen Kulturnetzwerkes Trans Europe Halles, die unter anderem verbindet, dass ihre Kulturzentren eine ähnliche Entstehungsgeschichte haben. Auch in Leipzig ist dieses Modell völlig normal, das Werk 2, die Distillery, die Damenhandschufabrik, die Spinnerei oder das Tapetenwerk erwuchsen auf diese Weise. Und jetzt eben der Kohlrabizirkus und die ehemalige Kammgarnspinnerei Stöhr in Wachsmuthstraße. Dieser Gemeinsamkeit steht ein großer Unterschied gegenüber. Sowohl der Wiederaufbau der Moritzbastei als auch die Umnutzung der TEH-Zentren waren keine unternehmerischen Ideen privater Investoren. Kommerzielle Belange spielten keine oder eine untergeordnete Rolle.

Leipzig ist ein postindustrieller Ort. Die Freiräume, um die wir allerorten beneidet werden, sind nicht erkämpft worden. Sie entstanden, als die alte Industriestadt Leipzig innerhalb weniger Jahre ihres produktiven Rückrates beraubt wurde. Diese kampflose Übernahme ist ein bedenkenswerter Aspekt. Sie ist typisch für die Jarhe nach 1990, wie die klare unternehmerische Ausrichtung beim Täubchenthal und im Kohlrabizirkus typisch für die heutige Zeit ist. Hier investieren Entrepreneure mit der Hoffnung, wirtschaftlichen Erfolg zu erzielen. Aus dem Zusammenschluss marodierender DJ-Crews, freischaffender Eventmanager und Konzertveranstalter, Grafikdesigner und Gastronomiebetreiber wird ein Start-up-Unternehmen.

Zurück zur Anfangsfrage: Braucht Leipzig zwei neue Clubs, zumal in dieser Größenordnung (das Täubchenthal soll ca. 1000 Leute fassen)? Die Täubchenthaler wollen gern Konzerte und Partys in die Stadt holen, die bisher nur in Berlin zu sehen waren. Das mag für das Publikum reizvoll sein, ein inhaltliches Konzept ist es noch lange nicht. Wenn dann noch auf das Werk 2 oder das Conne Island als Referenz verwiesen wird, kommt man ins Grübeln. Gerade diese beiden Häuser definieren ihre Arbeit ganz klar nicht über wirtschaftliche Ziele, sondern über klassische gesellschaftspolitische Forderungen wie Teilhabe, demokratische Entscheidungsstrukturen oder Integration. Solche Konzepte müssen erwachsen; es wäre überraschend, sollten sie sich per Unternehmensgründung realisieren lassen.

Selbst, wenn man nicht so verkopft herangehen will fällt es schwer zu glauben, dass die eingeführten Häuser um Distillery, Conne Island, Sweat!, Elipamanoke, Staubsauger und Damenhandschuhfabrik ein echtes Defizit produzieren, was Leipzigs Partykultur angeht. Diverse Crews ohne festes Haus sind dabei noch nicht mal berücksichtigt. Täubchenthal und Kohlrabizirkus werden keine Räume schaffen, an denen etwas wachsen oder leben kann, was vorher keinen Platz in der Stadt hatte. Sie werden, so sie erfolgreich sind, die Tendenz zur Professionalisierung und Konsolidierung der hiesigen Szene ein weites Stück voran treiben. Mehr nicht.

Immerhin kann das viele positive Effekte bringen und in Leipzig wird man sich an sehr unterschiedlichen über die Entwicklung freuen. Vergleichbar ist das mit dem Aufstieg von RB Leipzig im Fußball – auch dort liegt der Gewinn für die Stadt bei dieser Neugründung klar im wirtschaftlichen und im Marketingbereich. Niemand erwartet von RB, dass sie neue oder innovative Konzepte verfolgen, geschweige denn gesellschaftlichen Fortschritt herausgearbeiten.

Im Erfolgsfall werden Kohlrabizirkus und Täubchenthal den Ruf von  Hypezig weiter in die Welt tragen. Freuen wird das die partyorientierten Kids der Mittelschicht, die nicht wissen, dass man die Verhältnisse nicht schöntanzen kann; die nicht einmal ahnen, dass die Verhältnisse nicht schön sind, weil ja hier in Leipzig so viele neue tolle Locations entstehen.

Die Stadtvermarkter im Rathaus und bei der Tourismus GmbH werden sich dem gerne anschließen in der Hoffnung auf Nightlife-Tourismus, den Zuzug von „Kreativen“ und Studenten und die Ansiedlung von Gewerbesteuerzahlern. So gesehen kämpft die Kreativwirtschaft an vorderster Front im Wettstreit der Standortoptimierer um sich hinterher über Schwabeninvasion und Gentrifizierung aufzuregen.

Am Ende ist es sogar wurscht, ob die beiden Clubs sich erfolgreich etablieren werden oder nicht. Die Entwicklung in Richtung Kultur als Tummelplatz für Investoren und Unternehmensgründer wird auf jeden Fall weiter gehen, mit welchen Handelnden und an welchem Ort auch immer. Wenn Leipzig einer dieser Orte ist, gibt es zumindest die Möglichkeit, sich dieser Herausforderung produktiv zu stellen.

14 Kommentare

  1. kid kozmoe

    sorry, aber bleibt mal auf dem boden … beide projekte auf diese weise über einen kamm zu scheren und das mit den paar kursierenden infos find ich daneben. und der vergleich:
    „Niemand erwartet von RB, dass sie neue oder innovative Konzepte verfolgen, geschweige denn gesellschaftlichen Fortschritt herausgearbeiten.“ ist albern. wo ist denn bei der mb die innovation, v.a. die musik betreffend? ohne dass die techniker den ton-qualität versauen wie so oft schon erlebt?
    andere läden scheitern an ämtern und sonstwas und wenn leute versuchen von vornherein alles richtig zu machen isses kommerz …

    „partyorientierten Kids der Mittelschicht“ “ Zuzug von „Kreativen“ und Studenten“ -> schon mal bei „All you can dance“ in der mb gewesen?

    tsss…

  2. Tina

    Danke, Kid Kozmoe für deinen Kommentar, sprichst mir aus dem Herzen!
    Keine Ahnung auf welchen Innovationslorbeeren sich die MB hier ausruht. Leude, Leude…

  3. @kid kozmoe:
    Mir geht es gar nicht darum, wer die bessere Musik oder den besseren Sound hat. Das ist Greschmackssache.
    Was das Täubchenthal macht und im Kohlrabizirkus angedacht wird, ist in der jetzigen Situation weder gut noch schlecht, sondern völlig normal und folgerichtig. Stichwort Konsolidierung: es gibt keine subkulturell neuen oder innovativen Strömungen im Moment, also professionalisieren sich die existierenden. Das sollte man nur nicht mit einem Kreativboom verwechseln.

  4. S.

    Schockierend wie anmaßend hier beide Projekte über einen Kamm geschert werden.
    In Leipzig in einem Techno/House-Club ohne sexistisches Rumgemacke, diskriminierender Tür etc. feiern zu gehen, ist bisher alles andere als gegeben und genau darin liegt doch die Innovation des Ifz-Projekts. Das Conne Island mag hier noch eine Ausnahme darstellen. Der Rest der oben genannten Clubs stellt jedoch eben keinen solchen Freiraum dar.
    Wer sich nicht damit befasst was hinter diesem Projekt alles steht und entstehen soll, kann es natürlich schnell als überflüssig abtun, dass wieder „irgend so ein“ „kommerzieller“ Club in Leipzig entsteht…
    Crowdfunding (und das auch nur um die Anlage zu finanzieren!) bedeutet also automatisch eine klare unternehmerische Ausrichtung, ganz gleich welche Strukturen dem ganzen zugrunde liegen? Aha.
    Und dass sich die Verhältnisse nicht „schöntanzen“ lassen soll dann also heißen, dass Menschen sich keinen Raum schaffen sollten, in dem die Verhältnisse angenehmer sind?!

  5. @S:
    Die Selbstbeschreibung des IfZ-Projektes auf http://www.startnext.de/anothersoundispossible beinhaltet tatsächlich Aspekte, die spannend sind.
    Inwiefern man als Betreiber „sexistisches Rumgemacke“ unterbinden kann und was genau eine „diskriminierende Tür“ ist, darüber kann man sicher lange streiten…
    Mich irritiert jedenfalls die Idee, so ein Projekt mit dem Spendeneintreiben für ein high-end-soundsystem zu beginnen. Für mich sind das komische Prioritäten, aber vielleicht bin ich dafür zu alt. 😉
    Generell lasse ich mich bei beiden Projekten gerne davon überzeugen, dass da viel mehr passiert, als ich mir vorstellen kann. Time will tell.

  6. neele

    blöder text. Täubchental ist was ganz anderes als das ifz-projekt. das ifz projekt beinhaltet zum beispiel auch proberäume oder generell räumlichkeiten, welche für lesungen, seminare, workshops oder gar diskussionsveranstaltungen zur verfügung gestellt werden. mich würde es sogar freuen, wenn es ein club mal schafft seine mitarbeiter von der tür bis zum klodienst ordentlich bezahlen zu können… denn das ehrenamtskonzept bröckelt mit dem leipziger bachelorzuwachs.

    meine güte und so etwas von der mb (oder ist es ein privater text?). die mb fällt meiner meinung nach nicht in das raster von einem antidiskrimminierenden bzw angenehmen Partyabend (klar gibt es da auch lesungen, dokfilm, …), aber ich erinnere mich gut an die einlassstudie!

    naja so funktioniert online basisdemokratie, jeder darf auf die kacke hauen und klopft sich dann auf die schulter, weil man politisch aktiv mitgewirkt hat mit einem unreflektierten text! glückwunsch!

  7. mike

    um hier mal die schraube zurückzudrehen,

    das conne island ist mittlereile ein laden wie jeder andere ,

    ebenfalls nur noch tummelplatz für pseudo revoluzzer und am WE rein ausgerichtet auf party publikum wie im im werk 2 oder in der innenstadt ,

    individulle abgrenzung bzw. alternative ausrichtung findet hier alleinmittlerweile über die standortdefinierung statt .

    je mehr clubs in Leipzig entstehen desto besser , denn so entsteht ein eigener sich selbst regulierender markt .

    und läden die seit 20 jahren so aussehen wie früher z.b. conne island kommen endlich auchmal in den zugzwang Ihr inneres sowohl in Einrichtung uns struktur zu ändern .

  8. @neele
    Der Text ist nicht privat, aber natürlich eine subjektive Meinung. Auch in der MB sieht man der Entwicklung mit unterschiedlichen Gefühlen entgegen, wahrscheinlich aber sogar überwiegend positiv.
    Übers Wochenende hab ich noch einige Gespräche geführt. Kann sein, der Text ist zu einseitig. Die beschriebenen Dinge existieren jedoch, und ständige Ausgewogenheit ist ein Streitkiller und somit unproduktiv. 😉
    @mike
    ein „sich selbst regulierender Markt“ ist wahrscheinlich nicht das, was die ifZ-Leute anstreben. Du hast recht, die existierenden Läden werden über sich nachdenken müssen. Das kann einer der positiven Seiten der Entwicklung sein.

  9. Pingback: Another Sound Is Possible? — kreuzer online

  10. Pingback: Links von 23.05.2013 bis 09.06.2013 | Mythopoeia 2.0

  11. Pingback: Basteiblog » Versuch macht klug

  12. konstantin pegel

    hat eigentlich jemand mal rausgefunden, wo dieser neue club pilleneimer ist? ich hör das ständig überall.

  13. Pingback: Romy aus der LVZ und die “Musiknutzung” | Basteiblog

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