/ Autor: torstenreitler

Was soll das werden?

basteiblog

Zum ersten Mal haben wir uns nach knapp 100 Tagen gefragt: Was soll das hier? Jetzt, nach knapp 1000 Beiträgen und im berüchtigten siebenten Jahr ist wieder einmal Zeit für Nabelschau. Wozu machen wir das, was soll das werden?

Blogs gibt es ja mit den unterschiedlichsten Motivationen. Da finden sich öffentliche Tagebücher, Selbstvermarktungsblogs, Platformen für investigativen Journalismus, Sammelbecken für Trends, Serviceblogs für Gamer, Camper, Katzenbildsammler. Allein in Leipzig gibt es ca. 200 mehr oder weniger aktive Blogs.
Wir haben am 9. Juni 2006 um 11:58 Uhr den ersten Beitrag auf dem Basteiblog veröffentlicht, Kaltstart ohne Vorwort. Keine Frage, die Welt wartete auf uns! Dachten wir, und auf einen Blick hinter die Kulissen unserer Kulturwirtschaft, den wir bieten wollten. Optimistisch, wie wir waren, erträumten wir uns natürlich einen angeregten Dialog mit unseren Gästen. Eine kommunikative Spielwiese sollte entstehen, die Moritzbastei eine feste Größe im virtuellen Leipzig werden.

Es kam – natürlich – anders. Für Geschichten aus der Moritzbastei interessieren sich im Schnitt 60 Besucher am Tag. Es sei denn, es liegt eine TV-Leiche vor der Tür… (dem Thema „Wirkung von Onlineaktivitäten“ wird sich einer der nächsten Einträge widmen). Sechzig Leser am Tag, das sind etwas weniger als ein Zehnter der Besucher unserer offiziellen Website. Erfolg? Kommt auf die Interpretation dieser Zahl an (natürlich wünschen wir uns größere Aufmerksamkeit).

Interessiert es unsere Gäste, die Öffentlichkeit, das Netz überhaupt ein Blick hinter die Moritzbastei-Kulissen?
Falsche Frage. Es ist ein zusätzliches Angebot, für alle, die mehr wollen. Für die unter unseren Gästen, die das Feuilleton mögen, Nerdbrillen tragen, Comics lesen (oder selber zeichnen). Für Kollegen Kulturmacher. Für alle, die uns lieb haben oder die sich ein besseres Bild machen möchten.

Die eigentliche Frage ist ja, warum so wenige Leipziger Kultureinrichtungen außer uns ein Blog betreiben. Das Gewandhaus und das Grassimuseum bloggen,  die Oper/MuKo, das Centraltheater, das Bildermuseum nicht. Der aktuellste Eintrag beim Gewandhaus stammt aus dem Oktober 2012, das Grassimuseum postet mehr oder weniger Pressemitteilungen zu aktuellen Ausstellungen. Sieht ein bisschen so aus, als ob man sich in beiden Häusern nicht so sicher ist, was so ein Blog für eine Kultureinrichtung bringen soll. Denen geht es also wie uns, auch wenn wir aktiver dabei sind.

Erstaunlicherweise sind mir keine Blogs von Einrichtungen der „freien Szene“ bekannt. Bei denen würde man doch am ehesten junges bzw. internetaffines Publikum erwarten, welches man durch traditionelle Medien eher schlecht erreicht. Warum hat z.B. das sendungsbewusste Conne Island einen analogen Newsflyer, aber kein Blog?

Christian Henner-Fehr postuliert auf seinem recht lesenswerten Kulturmanagementblog, dass jede Kultureinrichtung ein Verlag werden müsse. Die Zuschauer, Gäste, „Kunden“ erwarteten eine Geschichte, um sich mit dem Kulturort oder der Marke identifizieren zu können; darin läge die Chance, sich aus der Angebotsmasse hervorzuheben und sich im Markt zu positionieren.

Das klingt plausibel, bleibt aber Vermutung. Den Ticketverkauf kurbelt ein Blog sicher nicht an, wirtschaftlich ist es eine Kostenstelle, kein Ertragsmodell. Bloggen ist für uns an erster Stelle Service am Gast. Wir schreiben, warum wir Konzerte vom Felsenkeller in den Campus Jahnallee verlegen müssen. Wir debattieren über Jogginghosen-Flashmobs. Wir zeigen aufsehenerregende Bilder aus der MB, die sonst nirgendwo öffentlich zu sehen sind. Und Josi postet jeden Mittwoch einen Cartoon, der vielen längst zu einem lieb gewonnenen Begleiter geworden ist.

Die Erwartung eines regen Austausches mit den Gästen ist nicht erfüllt worden, zugegeben. Als Forum für Rückmeldungen und Geplauder ist facebook momentan nicht zu ersetzen, Blogs sind für diese superflüchtige Kommunikation viel zu schwerfällig. Allerdings ist das Basteiblog auch eine Möglichkeit, die Kommunikation offen zu halten. Hier können eben nicht nur facebook-Mitglieder mitlesen und kommentieren, die Inhalte sind archiviert und verschwinden nicht in endlosen Timelines zwischen Statusmeldungen über Katzen, Zugverspätungen, Wetterverwünschungen.

Das Basteiblog ist also irgendwas zwischen Serviceangebot und Luxusartikel, eine Spielwiese sowieso. Die Moritzbastei könnte sicher auch ohne auskommen – aber mit fühlt es sich besser an. Abgesehen davon, dass wir nach wie vor an den informativen Mehrwert glauben, auch wenn er vielleicht nur von einer kleinen Gruppe aufgenommen wird. Diese kleine Gruppe ist uns halt wichtig – als Moritzbasteiversteher, Multiplikatoren, Freunde. Nicht zuletzt hat uns diese Gruppe zum zertifiziert siebenteinflussreichsten Leipziger Blog gemacht (wenn wir dieser Statistik mal glauben wollen, und wir wollen!).

Für diese durchschnittlich täglichen 60 Leser renovieren wir also demnächst das Basteiblog und hoffen, dass wir das für eine verheißungsvolle Zukunft tun.

PS: Bloggersterben, was soll das sein?

3 Kommentare

  1. Mehr als 1.000 Beiträge sind eine stolze Summe, Gratulation dazu. Die Zahl der Blogs, die das schaffen, ist im deutschsprachigen Raum vermutlich nicht sehr groß.

    Bloggen ist kein Ertragsmodell, das stimmt, wenn man sich direkte Einnahmen aus der Bloggerei erwartet. Ich verdiene mit meinem Blog nicht einen einzigen Cent. Aber indirekt profitiere ich natürlich davon und kann der Behauptung deshalb nicht zustimmen.

    Social Media kann, davon bin ich überzeugt, sehr wohl den Ticketverkauf ankurbeln, aber die Aktivitäten müssen in die Marketing-, PR- und Kommunikationskonzepte eingebaut werden. Ich kann nicht glauben, dass ein Blog nicht dazu beiträgt, dass sich ein Kulturzentrum für die Öffentlichkeit als attraktiver Veranstaltungsort darstellt. Zugegeben, es kann etwas mühsam sein, herauszufinden, auf welche Weise es funktioniert. Aber dass es funktioniert, da bin ich mir ganz sicher. 😉

    Ich habe ja nun auch kein Mainstreamthema und würde mein Blog durchaus als erfolgreiches Marketinginstrument betrachten. Und das ohne tägliche Veranstaltungen. 🙂

  2. Hallo Christian, Danke erstmal für die Blumen. 😉

    Wir sehen das ganz ähnlich, wie Du es beschreibst. Ohne Blog und social media würden wir wahrscheinlich weniger Tickets verkaufen. Wobei wir natürlich nicht messen können, wie viel das bringt. Manche Veranstaltungen bleiben trotz sehr guter Verbreitung im Netz leer, andere sind schneller ausverkauft, als wir uns bei facebook einloggen können.

    Es geht wohl viel mehr darum, bei potentiellen Besuchern unterschwellig im Bewusstsein zu bleiben, sozusagen auf der „Shortlist“ für das Ausgehverhalten. Gerade in einer kulturell so lebendigen Stadt wie Leipzig ganz klar ein großes Plus, wenn man das mit einem Blog schaffen kann!

  3. „Manche Veranstaltungen bleiben trotz sehr guter Verbreitung im Netz leer, andere sind schneller ausverkauft, als wir uns bei facebook einloggen können.“

    Ich glaube, wir müssen immer wieder daran denken, dass die Leute wegen der Kunst kommen und nicht, weil wir ein Blog betreiben oder auf Facebook aktiv sind. Insofern sollten wir Erfolg oder Misserfolg einer Veranstaltung nicht sofort auf die Social Media-Aktivitäten zurückführen, sondern überlegen, ob es nicht mit dem Angebot selbst zu tun hat.

    Deshalb ist der letzte Absatz von Dir so wichtig, denn darin liegt vermutlich die Stärke Eurer mehr als 1.000 Beiträge. 😉

Kommentare sind geschlossen.