/ Autor: torstenreitler

Auf der Ü20-Party

Am vergangenen Freitag feierte das Leipziger Stadtmagazin kreuzer seinen 20. Geburtstag bei uns. Wir geben es zu, das Verhältnis des Moritzbastei-Teams zum publizistischen Schlachtross unter den Leipziger Monatsmagazinen ist gespalten. Trotzdem – oder gerade deswegen – haben wir alles gegeben, um die ambitionierten Vorstellungen der Jubilare in die Tat umzusetzen. Das ist uns gelungen, die Party am Abend stieg in einer wunderbaren Atmosphäre. Da uns diese Party geistig wie körperlich ordentlich beschäftigt hat, ist sie einer Nachbetrachtung wert.

Der kreuzer ist seit 1991 streitbarer Begleiter des kulturellen Alltags in Leipzig. Es gibt wohl kaum einen Kulturmacher in Leipzig, der in dieser Zeit nicht auf irgend eine Weise den Weg ins Heft gefunden hat. Manche, dazu gehöre auch ich, schwangen gar die Feder für die Redaktion. Die Erfahrungen sind dabei so unterschiedlich wie die Intentionen, die sowohl die Macher des kreuzers als auch die Kulturmacher in den vergangenen 20 Jahren gehabt haben mögen. Ich persönlich kenne mindestens so viele kreuzer-Allergiker wie Leute, die das Magazin für  unverzichtbar für die Leipziger Presselandschaft halten.

Und es wird wahrscheinlich eine Gruppe geben, die dem Blatt großen Respekt zollen, das Credo „Leipzig. Subjektiv. Selektiv.“ aber in der monatlichen Umsetzung als eine Mischung aus Igno- und Arroganz empfinden. Ich habe hauptsächlich eine professionelle Beziehung zum Blatt – die Moritzbastei braucht den kreuzer, auch wenn es mittlerweile effektivere Wege gibt, um das kulturaffine Publikum Leipzigs zu erreichen. Es ist bemerkenswert, dass es den kreuzer immer noch gibt – die Medienwelt ist auch in Leipzigs Karpfenteich ein Haifischbecken. Dies sind keine rosigen Zeiten für unabhängige mittelständische Medien.

Eine eigene Geschichte ist die Personalpolitik des Magazins. Die führt zu einem regen Wechsel auf den Positionen, und auf der Party am Freitag habe ich haufenweise Leute getroffen, die neben einem lachenden (sonst hätten sie die Geburtstagseinladung sicher nicht angenommen) auch mit einem weinenden Auge auf ihre kreuzer-Zeit zurück blickten. Die Fluktuation im Blatt macht es auf jeden Fall schwierig für die Kulturszene, sich auf die wechselnden Präferenzen, das unterschiedliche Vorwissen, die divergierenden journalistischen Fähigkeiten einzustellen. Bei der Festrede am Freitag versuchte Chefredakteur Robert Schimke, das auch als Vorteil zu verkaufen, man bleibe so immerhin am Puls der Zeit. Darauf würde ich später gerne nochmal eingehen.

Den ersten Höhepunkt der 20-Jahr-Feier lieferte gleich der offizielle Empfang auf dem Dach der Bastei, das für den Anlass zum Dampferdeck umgestaltet wurde. Der dritte Redner des Abends war Wolfgang Tiefensee, und er zog alle Register. Die Rückkehr an die Stätte, die den strahlenden Gipfel seiner politischen Karriere markierte, motivierte ihn zu einer denkwürdigen Ansprache.
Beginnend mit Betrachtungen zur Glaubwürdigkeit von Feuerwehrmännern, Politikern, Lehrern und Journalisten bewegte er sich von Max Weber zum olympischen Phantasma Leipzigs, watete durch den Sachsen-Sumpf, erinnerte an die behaupteten Orgien im Neuen Rathaus, appelierte an die Ehre der Medienschaffenden, stieg in die Kalauerhölle hinab und tauchte erst nach gefühlten fünf Tagen Redezeit wieder auf.
Donis bat zu Beginn der Performance des Theaters aus dem Hut, man möge ihm von dem Zeug geben, welches der gespielt verwirrte Käpt´n der Zeremonie genommen habe. Das Zeug von Tiefensee war auf jeden Fall halluzigener, ich habe selten eine solch spektakulär über das Ziel hinaus fabulierende Rede gehört. Leipzigs Ex-OBM ignorierte alle Anzeichen von Unverständnis, und mochten sie noch so unverholen aus dem Publikum dringen. Der Bundestag macht wohl hart im Nehmen.

Die nächste bemerkenswerte Darbietung kam ebenfalls von einem Leipziger OBM, diesmal allerdings vom amtierenden (vielleicht war es Zufall oder ich habe was übersehen, zum Empfang auf dem Dach gingen sich die beiden aus dem Weg). In der von Donis und Franziska Wilhelm sehr launig moderierten Show „Ein Kessel Kreuzer“ sang Burkhard Jung auf John Francis Bongiovi jr.s Gitarre erst ein, dann vom Bühnenadrenalin euphorisiert noch ein zweites Stück. Besonders letzteres, ursprünglich von Achim Reichel intonierte Lied, brachte das Publikum in Wallung. In Tim Thoelkes Augen schimmerten sogar kleine Tränchen. Da wurden Deutschrockbande geschlagen, und singen, das muss man neidlos eingestehen, singen kann der Burkhard. Dass Donis ihm und dem anwesenden Sebastian Hartmann etwas zuviel Honig um die Mäuler schmierte, das kann nur wegen der aktuellen Verliebtheit des hin und wieder schauspielernden Moderators verziehen werden.

Der Auftritt des Fuck-Hornisschen-Orchesters soll ebenso zu den Höhepunkten des Abends gezählt werden wie die Lesung des immer mehr zum Erich-Loest-Wiedergänger werdenden Clemens Meyer. Die prämierten Protestpopper des Brockdorff Klang Labors zogen dann die Massen in die Tonne, mich allerdings weniger in den Bann. Auch die Konzerte von Computer Says No und Me and the white tiger überzeugten mich nicht. Die Ratstonne ist sicher kein einfacher Ort für ein Konzert, aber da oute ich mich als Anhänger des alten Rock´n´Roll-Mantras: „It doesn´t matter how many people care as long as you rock!“ Und für Good Guy Mikesh bin ich tatsächlich zu alt. Ich habe die 1980er bei vollem Bewußtsein miterlebt und keine Ahnung, wieso weshalb warum irgendwer den Synthiepop dieser Zeit originalgetreu am Leben halten sollte. Die jüngeren im Raum sahen das allerdings differenziert und zollten Applaus.

Womit ich nochmal zurück will zu Robert Schimkes Worten vom Puls der Zeit, an dem der kreuzer bleiben wolle. Bemerkenswerterweise lag der Altersdurchschnitt der Besucher deutlich oberhalb der Dreißig. Jung und hip ist der kreuzer-Leser wohl nicht, und da zeigt sich auch das Dilemma im Selbstverständnis des Blattes auf. Wie alle Printmedien hat der kreuzer das Problem, dass die nachwachsende Generation nur ein Leitmedium kennt: das Internet. Könnte es sein, dass der „subjektiv.selektive.“ Hipster-Anspruch ein wenig im Mißverhältnis zu den Ansprüchen der tatsächlichen kreuzer-Leserschaft steht? Die alten journalistischen Tugenden, welche die Redaktion ja hochhalten möchte, sind nicht hip. Möglicherweise hat auch der kreuzer den Stein der Weisen, was die Bindung jüngerer Leser angeht, noch nicht gefunden.

Für den hohen Altersdurchschnitt könnte aber auch das Programm gesorgt haben – die jungen Hüpfer dieser Stadt interessieren sich offensichtlich nicht so sehr für Leipziger Indie- und Electropop. Kritikerliebe und Publikumsgeschmack waren auch hier zwei verschieden Paar Schuhe. Wenig überraschend legten daher die WhizzKids im Oberkeller vor leeren Rängen auf, dafür tanzten die Reste der ca. 600 Besucher im lauschigen Fuchsbau-Innenhof noch bis ins Morgengrauen zu Rockabilly und Italowesternklängen.

Nach einem langen, vor allen Dingen für unsere einen super-Job abliefernden Technikmitarbeiter sehr anstrengenden, vom Wetter schonend behandelten und sehr launigen Abend gingen gegen 4 Uhr die Lichter wieder an. Wie sehr der Abend gefangen nehmen konnte, dafür lieferte Rick den besten Beweis: obwohl der der Party aus Prinzip fernbleiben wollte (er gehört nicht zu den größten Fans des kreuzers), durfte ich noch gegen halb drei mit meinem sichtlich wohlgelaunten und bestamüsierten Kollegen anstoßen. Mehrfach.

Dann fehlt nur noch eines: die Bilder.

Wer die Selbsterfahrung der kreuzer-Redaktion gegenlesen möchte, kann das hier tun. Bilder gibt es auch.

3 Kommentare

  1. Danke für diesen faszinierenden Beitrag und v.a. auch für die Linksetzungen.

  2. Gediminas

    Überraschend und alle Achtung….

    P.S.: Der erste Absatz könnte größteneils auch ein „Nachruf“ auf die mb sein.

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